Best of 2018: Wie ein Lottogewinner in die Bundesliga durchmarschieren wollte

Sang- und klangloser Abstieg

Vielleicht war das der Tag, der alles veränderte. Gummi öffnete nun sein Portemonnaie immer weiter. Aber er wollte auch sein wie ein echter Präsident. Wie Dr. Peter Krohn vom HSV. Er entließ den Trainer, warb Stürmer von höherklassigen Vereinen ab, verteilte Handgelder und Prämien. Und wenn jemand zweifelte, legte Gummi nacheinander die Tausender auf den Tresen, bis der Spieler nickte. Andere, teils verdiente Spieler der Aufstiegsmannschaft, bekamen hingegen nicht mal ihr Monatsticket erstattet. Die Folgen: Futterneid, Missgunst, miese Stimmung. Am Ende der zweiten Saison stieg die Mannschaft sang- und klanglos aus der Bezirksliga ab. Im dritten Jahr ging auch in der Kreisliga nichts mehr, die ESG wurde Letzter. Und eines Tages kam Gummi zum Platz und stellte fest, dass das Flutlicht nicht mehr anging. Die Stadt hatte ihm den Strom abgestellt. Er war nicht nur pleite, er steckte bis zum Hals im Dispo.

 


»Plötzlich stand täglich ein Mann mit
Aktenkoffer in der Kneipe«, sagt Walli.

»Hat das ganze Geld aus der Kasse direkt
umgefüllt«, sagt Martin.

»Von da an mussten sogar wir unsere
Getränke zahlen«, sagt Ulf.

»Der nahm sogar das Trinkgeld mit!«, sagt Martin.

»Die Kneipe musste er danach dichtmachen«, sagt Walli.

 


»Ihr habt mir doch das Geld aus der Tasche gezogen«, sagte Gummi einmal, aber wirklich wütend klang er dabei nicht. Sie sahen sich jetzt nur sporadisch. Gummi lebte von Arbeitslosenhilfe. Auf das große Glück hoffte er dennoch weiterhin. Er verlobte sich hier, er heiratete da, und regelmäßig trug er seinen Lottoschein zur Annahmestelle. Bevor er ihn abgab, spuckte er drauf. Zweimal hatte er noch Glück, jeweils fünf Richtige, einmal gewann er 30 000 Mark, ein anderes Mal 14 000 Mark. Und während der Mann vom Finanzamt wieder den Aktenkoffer aufhielt, stand Gummi auf der HSV-Geschäftsstelle und fragte: »Habt ihr was zu tun?«

»Ich stecke gerade in einem Tunnel, finanziell gesehen«

Typen wie Gummi gab es im Amateurfußball schon immer. Oft sind es halbseidene Luftschloss-Architekten, Sonnenkönige, Glücksritter. Männer, die vom steilen Aufstieg träumen, von Manschettenknöpfen am Hemd, von Manager-Logen in Bundesligastadien – und nach ein paar Jahren so tief fallen, dass sie sich nie wieder davon erholen. Gummi aber, der war anders. Vielleicht weil er das Leben sah wie ein Fußballspiel. Mal lief es, mal eben nicht. Einmal sagte er: »Ist doch alles wie mit den Auswechslungen. Wenn eine Sache nicht klappt, muss die nächste her.« Als ihn die »Süddeutsche Zeitung« Ende der Neunziger für eine Reportage traf, schrieb der Autor: »Man hat nicht das Gefühl, einem Aufschneider zuzuhören. Eher einem, der gerne viel erzählt auf eine lustige Art. Unangenehm ist das nicht.« Auf die Frage, wie es mit ihm weitergeht, sagte Gummi damals: »Ich stecke gerade in einem Tunnel, finanziell gesehen, aber ich komme da wieder raus!« Und dann erzählte er wieder von der Lehrerin, die ihn verführte, von den Knastmeisterschaften und von dem Ritt mit dem Esel. Und natürlich erklärte er noch einmal, warum er Gummi heißt. Er griff mit beiden Händen in die Luft, wippte auf und ab, schlängelte ein wenig den Oberkörper und sagte: »Gummi, verstehen Sie, wie Gummi!«

 

Der Wirt im Bierkrug bringt die nächste Runde. »Was ist eigentlich hier los?«, fragt er. Gummi, Eppendorfer SG, noch nie von gehört? Der Wirt schüttelt den Kopf, er arbeite erst seit kurzem hier. Da drüben ritt er mit einem Esel über die Straße. Die Story musste dir anhören. Dann der Sieg gegen Victoria. Und Martins grandioses Tor gegen 08.

 

»Wie war das noch mal?«, fragt Martin.

»Ein Hammer aus 40 Metern!«, sagt Ulf.

»Wahnsinn!«, sagt Walli.

»Eigentlich müssen wir mal
wieder spielen«, sagt Martin.