Best of 2018: Wie ein Lottogewinner in die Bundesliga durchmarschieren wollte

Es roch nach Profifußball

Im Sommer 1980, ein halbes Jahr nach der legendären Weihnachtsfeier, startete die Eppendorfer SG in ihre erste Saison, Kreisliga Hamburg-Nord, Staffel 3. Gummi, damals 54 Jahre alt, war alles in einem: Präsident, Manager, Sponsor und, na klar, auch Torwart. Später, als er den Bierbrunnen pachtete, stellte er sich sogar selbst hinter die Theke. Die Getränke für die Spieler gingen, natürlich, aufs Haus. Gummis Teams – eine erste Mannschaft und eine Reserve-Elf – setzte sich anfangs aus den Kneipenbrüdern zusammen, die zuvor schon in einer Hobbymannschaft gespielt hatten. Sie liefen in seidenen Trikots auf, drei Sätze pro Spieler, die der Mäzen im Sportgeschäft des HSV-Torwarts Rudi Kargus gekauft hatte. Auf dem Heimplatz stellte er eine mobile Flutlichtanlage auf, und als die geklaut wurde, installierte er feste Masten. Kosten: 18 000 Mark. Der Geldhaufen schmolz vor ihren Augen dahin, aber Gummi interessierte Buchhaltung nicht sonderlich, er mochte alte Redensarten. Er sagte: »Mein letztes Hemd hat keine Tasche.« Also kaufte er für die Auswärtsfahrten einen modernen Mannschaftsbus der amerikanischen Firma Dodge. Damit ging es zu Plätzen in Lokstedt oder Barmbek, die nur fünf Fahrradminuten entfernt lagen. Wenn sie so beim SC Sternschanze oder dem SC Adler vorfuhren, spotteten die Gegner: »Da kommen die Millionarios!« Aber Gummi grinste nur und lud sie direkt zu einem Getränk in den Bierbrunnen ein.

 

Irgendwann in jenen Anfangsmonaten, nach drei oder vier Siegen in Folge, stand Gummi mal wieder aufgekratzt am Tresen, süffelte an seiner Cola und schmiss eine Runde nach der nächsten. War das nicht eine unglaubliche Geschichte? Eine Mannschaft gründet sich und spielt die Gegner in Grund und Boden? Vielleicht war sogar die Meisterschaft drin! Und das, da waren sich alle sicher, hatte es in Hamburg noch nie gegeben. Also verkündete Gummi: »Wenn wir wirklich den Titel holen, reite ich halbnackt auf einem Esel durch Eppendorf!« Und zur Sicherheit schrieb er dieses Versprechen noch auf einen Bierdeckel, der bis zum Ende der Saison hinter der Theke lag.

 

Aufstieg in die Bezirksliga

 

Die ESG spielte in jener ersten Saison wirklich erstaunlich guten Fußball, vielleicht lag es an Trainer Karl »Duddel« Meyer-Emden, ein erfahrener Taktikfuchs, den Gummi von Komet Blankenese loseisen konnte. Vielleicht half auch die Atmosphäre auf dem Heimplatz im Struckholt, wo regelmäßig 150 bis 200 Zuschauer vorbeikamen, viele Schaulustige, die von der Kneipenelf gelesen hatten. Vielleicht war es der Zusammenhalt in der Mannschaft, dieses Elf-Freunde-Ding, dieses Gefühl, dass der Abend an der Theke nie enden würde. Alle packten mit an. Auch wenn sie nicht wussten, was sie da überhaupt taten. »Für unseren Betreuer kaufte Gummi einen Arztkoffer, mit dem man Not-OPs hätte machen können«, sagt Martin. »Aber er hatte gar keine Ahnung von Medizin.« Einmal sollte er Eis auf ein Bein sprühen, aber er griff die falsche Flasche und spritzte Sprühpflaster drauf.

 

Im April 1981 war es schließlich so weit: Die Eppendorfer SG stieg als Kreisliga-Meister in die Bezirksliga auf. Martin Tullius und die anderen Offensivspieler ließen sich im Mittelkreis fallen und buddelten ein Erdloch aus, durch das sie Haschisch rauchten. »Unsere Offensivabteilung kiffte nach jedem Spiel«, sagt Martin. »Die Verteidiger waren auf Bacardi-Cola unterwegs!« Und dann war da ja noch Gummis Versprechen. Den Esel liehen sie sich vom Tierpark Hagenbeck aus, und dann ritt Gummi halbnackt, unter dem Gejohle der Kneipenbrüder und dem erstaunten Blicken der Anwohner aus den Altbauwohnungen, über die Tarpenbekstraße. Es war der Sommer ihres Lebens, denn kurze Zeit später gewann das Team sensationell mit 3:2 in der ersten Runde des Landespokals beim hoch favorisierten Nachbarn SC Victoria, der damals in der Verbandsliga spielte. 1000 Zuschauer an der Hoheluft, ein Jubel, den man bis zum Volksparkstadion hören konnte. Es roch nach Profifußball.