Best of 2018: Wie ein Lottogewinner in die Bundesliga durchmarschieren wollte

»Sechzehn Mal verlobt«

Als Gummi jung war, dreißiger Jahre, Hamburger Vorkriegszeit, nannten ihn seine Freunde »Kongo«, denn er sprang durch den Strafraum wie ein Affe in Afrika. Schon mit fünf Jahren stand fest, dass er Torwart werden möchte, die Weite jenseits des Strafraums interessierte ihn nie. Er spielte bei den großen Hamburger Straßenmeisterschaften mit, die Schnösel vom Isekanal gegen die Arbeiterkinder von der Tarpenbekstraße. Mit 14, erzählte er, habe ihn eine Lehrerin während einer Nachhilfestunde verführt. Sie trug eine Bluse mit Ausschnitt und beugte sich so weit nach vorne, dass ihm beinahe schwindelig wurde vor Glück. Davon schwärmte er noch Jahrzehnte später im Sport-Eck. Mit 15 Jahren machte er eine Ausbildung als Maler und Tapezierer, mit 17 wurde er eingezogen. Es ging an die Front. Danach Kriegsgefangenschaft in Holland, Meisterschaften hinter Gittern, die Pokale sollen noch in irgendeiner Knastvitrine stehen.

 

Nach dem Krieg, so erzählte Gummi seine Geschichte weiter, spielte er für den SC Enschede. In den Statistikbüchern steht davon nichts, und wenn man ihn fragte, wie überhaupt ein holländischer Erstligist auf die Idee gekommen sei, einen 1,60 Meter kleinen Mann als Torhüter zu verpflichten, sagte er: »Bin geschrumpft, war mal fast 1,80 Meter groß!« Gummi kannte zu jeder Geschichte eine passende Pointe. Acht Ehefrauen? Is doch nix! Ich war 16 Mal verlobt! Er erzählte aus dem Leben, wie man in Hamburger Eckkneipen eben aus dem Leben erzählt: euphorisch, aber auch nonchalant. Ich war wie mein Alter, ein Draufgänger. Manni, machste noch ’ne Runde? Und für mich ’ne Cola! Wenn er im Tor am Pfosten lehnte, sah er aus wie Pierre Brice, der für die Rolle eines Türstehers auf St. Pauli vorspielte: die ledrige und zerfurchte Haut eines Indios, dazu Goldzähne und Goldkette, die er auch im Spiel nicht abnahm. Er kannte Uwe Seeler (»War ein ganz liebes Schaf!«), und Willi Schulz stellte seine Spielautomaten in Gummis Kneipe auf. Am Ende des Abends war es egal, ob seine Geschichten wahr waren oder nicht. Sie waren gut. Und das war, was zählte.


»Gummi war ’n einfacher Typ. Ein astreiner Kerl!«,
sagt Walli.

»Er war sieben- oder achtmal verheiratet«, sagt Ulf.

»Nach seinem Lottogewinn standen die ganzen
Frauen plötzlich wieder im Bierbrunnen!«, sagt Martin.

»Er hatte eine Tochter«, sagt Ulf.

»Stimmt nicht, hatte keine Kinder, hatte ’ne Luftpistole«,
sagt einer, der sich an den Tisch setzt, weil
es um Gummi geht, den er, natürlich, auch kannte.

Mittlerweile sitzen acht ehemalige Spieler der Eppendorfer SG im Bierkrug. Ein paar von ihnen haben sich seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen. Gummis Geschichte setzen sie gemeinsam zusammen wie ein großes Puzzle. Sie haben Zeitungsausschnitte und Fotos dabei. Nur manchmal gerät alles durcheinander. Wie hoch war der Lottogewinn? In alten Zeitungsberichten ist von 446 000 Mark die Rede. Ulf Hoff glaubt hingegen, es waren 640 000 Mark. Sicher sind die Zahlen: 3, 14, 26, 31, 43, 45.