Best of 2010: Mike Büskens macht den Punk

Fuck the system

In einem schnöden Zweitligakick gegen den Karlsruher SC setzte Fürths Trainer Mike Büskens ein Zeichen gegen den modernen Fußball. Zumindest glauben wir daran und fordern ein Denkmal für den Außenlinienderwisch. Best of 2010: Mike Büskens macht den PunkImago Mike Büskens ist kein Mann großer Worte. Lieber lässt der in Düsseldorf geborene und später zum Ur-Schalker konvertierte Blondschopf Taten sprechen. Als er noch spielte, war sein liebstes Ausdrucksmittel die Grätsche. Im Parkstadion liebte man ihn dafür.

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Mittlerweile ist Büskens auf die Trainerbank gewechselt, doch irgendwie ist der ehemalige Mittelfeldabräumer immer noch mittendrin im Spielgeschehen. Kaum ein anderer Trainer im deutschen Fußball schwingt an der Seitenlinie aktiver die Beckerfäuste, tobt wie ein Brummkreisel umher, treibt seine Mannschaft so energisch an wie der 43-Jährige. Seit Dezember 2009 derwischt Büskens nun an der Außenlinie der SpVgg Greuther Fürth. Anfangs wunderte man sich im Frankenland noch über den Ex-Knappen, doch nun hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt.

Wie ein alter Citroen

Sonntag, 22. August. 2010, 72. Minute, Fürth, Trolli-Arena: Mike Büskens ruft sich Neuzugang Kingsley Onuegbu heran, denn das Spiel seiner Fürther gegen den Karlsruher SC droht zu kippen. Die Badener haben den 2:1-Anschluss erzielt und drücken auf den Ausgleich. Büskens redet auf Onuegbu ein, herzt und knufft den Nigerianer, seinen Joker. 73. Minute: Onuegbu betritt den Rasen, trottet in die Spitze, Büskens geht in Position, tänzelt am Rande der Coaching-Zone, pfeift, gibt ein paar wirre Handzeichen, die wohl letzte Anweisungen darstellen sollen. 74. Minute: Der Fürther Verteidiger Stephan Schröck schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte, hängt die halbe Defensive des KSC ab, passt millimetergenau in den Fuß von Onuegbu.

Büskens hält die Luft an. Onuegbu nimmt den Ball mit und rennt alleine auf das KSC-Tor zu. Büskens pumpt sich nach oben wie ein alter Citroen, seine Wangen sind zum Bersten gespannt. Onuegbu schiebt den Ball zum 3:1 ein. Die Vorentscheidung in einem bedeutungslosen Zweitligaspiel und doch so viel mehr.

Ist der verrückt?

Büskens explodiert. Innerhalb einer Nanosekunde vergisst er sein Alter, seine schweren Knieverletzungen, das Regelwerk des DFB, einfach alles. Er tritt an wie in alten Tagen. Zehn, zwanzig, dreißig Meter im Vollsprint, der nur ein Ziel kennt: Der Pulk jubelnder Fürth-Profis. Vierzig, fünfzig, sechzig Meter, dann ist er am Ziel, strahlt über das ganze Gesicht. Auf den Rängen schauen sich die ersten Zuschauer verduzt an: Was macht er da? Ist der verrückt? Vielleicht ist er verrückt, vielleicht hat er es aber auch einfach satt, dass sein Fußball in eine Form gepresst werden soll, in die er nicht reinpasst. Alles ist mittlerweile genormt: Der Einlauf, die Anstoßzeit, der Ball und auch der Auslauf der Trainer. Wie Hunde tingeln er und seine Kollegen Wochenende für Wochenende durch ihren weißen Käfig ohne Gitter. Emotionen? Unerwünscht. Und wer über die weiße Linie tritt, kriegt mächtig Ärger und muss auf die Tribüne. Die stille Treppe des Profifußballs.

Liebe mit goldenen Wechselhändchen

Büskens ist das egal. Er ist mittlerweile klitschnass geschwitzt, als hätte er zwischendurch auch noch einen Wettbewerb im Wettsaunieren gewonnen. Er drückt seinen Joker an sich, greift seinen Kopf, herzt ihn mit seinen goldenen Wechselhändchen. Ein Pfiff durchschneidet diesen kurzen Moment der Zweisamkeit. Schiedsrichter Guido Winkmann will weitermachen. Regeln sind nun mal da, um eingehalten zu werden.

Es ist keine Zeit für große Gefühle, denn es ist Bundesliga-Alltag. Büskens dreht um, würdigt den Schiedsrichter keines Blickes, joggt zu seiner Trainerbank. Was jetzt kommt, weiß er: Ermahnung durch den vierten Offiziellen, Winkmann wird ihn auf die Tribüne verbannen. Seinen Finger reckt der Spielleiter sowieso schon seit einer gefühlten Ewigkeit in die Luft. Aber Büskens hat keinen Bock auf Diskussionen, joggt einfach direkt durch zur Tribüne und lässt sich von seinem Co-Trainer noch ein kleines Fläschchen reichen.

Er trabt auch die Treppenstufen hoch als wäre nichts geschehen, steht am Zaun, schmiert sich sein verschwitztes Haar zurecht, nimmt einen Zug Asthmaspray aus der Flasche und grinst. Ein Grinsen das sagt: »Ich habs Euch gezeigt.« Vielleicht auch: »Lasst meinen Fußball in Ruhe«. Ein Grinsen wie ein Mittelfinger. Es gehört in Beton gegossen und an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt aufgestellt. Ein Denkmal für Mike. Darunter eine Tafel, auf der steht: »Fuck the System!« Wenigstens ein bisschen.

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