Best of 14: Die Weltmeister in der Einzelkritik

Höwedes, Khedira, Kramer

Benedikt Höwedes
Zugegeben: Wegen Benedikt Höwedes auf links wollten wir zu Beginn des Turnieres Kriege anzetteln und bedrohte Tierarten ausrotten. Nur, um mal ein wenig Dampf abzulassen. Was hatte sich Löw dabei gedacht? Das kantige Innenholz auf die Außenbahn zu stellen? Die vielleicht dümmste Idee der Fußballgeschichte! Aber Jogi, dieser kluge, weitsichtige Jogi, dieser Taktikfuchs, dieses Genie, dieser Auserwählte, er wusste genau, warum er Höwedes auf links außen stellte. Weil er Weltmeister werden wollte. Und vielleicht auch, weil er der Welt beweisen wollte, dass man sich die Krone der Fußballwelt mit einem Außenverteidiger aufsetzen kann, der keine Flanken schlagen kann. Zugegeben: Wegen Benedikt Höwedes auf links wollen wir jetzt in sämtliche Maschinengewehr-Läufe dieser Welt eine Rose stecken, wollen das Einhorn finden, es aufpäppeln, Nachwuchs züchten und es dann mit weißen Elefanten, sibirischen Tigern und Schneeleoparden paaren. Wir schreiben jeden Text nur noch mit links, spielen jeden Pass auf dem Bolzplatz mit dem linken Fuß. Wenn wir schönen Frauen zuzwinkern wollen, dann tun wir das mit dem linken Auge. Wenn uns der wütende Freund der angezwinkerten Frau aufs Maul hauen will, wehren wir uns mit links. Wenn das nicht hilft, halten wir ihm halt die linke Backe hin. Wir wählen bei der nächsten Bundestagswahl »Die Linke« und machen mit dem Stift ihn unserer linken Hand den Wahlzettel ungültig. Wir wollen uns linken lassen, unsere gesammelten Verlinkungen der letzten zehn Jahre durchschauen, die Engländer für ihre Verkehrsführung verehren und uns gleich morgen für zwei Jahre der Bundeswehr verpflichten, nur um wochenlang den Befehl »Links um!« zu genießen. Und wenn wir einen passenden Link dafür gefunden hätten, würde er hier zu lesen sein. Auf hebräisch.

Sami Khedira
Spielte nicht. Weil er was mit der Wade hatte. Vielleicht ist der Mann solch ein Taktikgenie, dass er ganz genau wusste, dass Deutschland ohne ihn Weltmeister werden würde, sich deshalb mit purer Willenskraft den Muskel verletzte und Jogi noch den Einsatz von Christoph Kramer empfahl, weil der sich ja eh ebenfalls verletzen würde, um dann Platz für André Schürrle zu machen, der wiederum die entscheidende Flanke auf Götze schlagen würde, der ja auch nur auf dem Platz war, weil sich Miroslav Klose zuvor aufgrund der Abwesenheit von Khedira und später Kramer einen Wolf gelaufen hatte. Sami Khedira, bester Mann.

Christoph Kramer
Es gibt Momente im Leben eines Mannes, in denen er einfach Eier zeigen muss. Beim Kinderarzt. Bei der Musterung. Beim Heiratsantrag. Beim Satz: »Schatz, es gibt da eine neue Frau in meinem Leben.« Oder bei folgender Szene: WM-Finale 2014 in Brasilien. Gegen Argentinien. Nur noch 15 Minuten bis zum Anpfiff. Du selbst hast bei dieser WM erst ein paar Minuten gespielt und jetzt sitzt du gleich auf er Ersatzbank, um den Jungs auf dem Platz die Daumen zu drücken. Weil auf deiner Position ja Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira spielen. Da kommt plötzlich der Bundestrainer auf dich zu und guckt so ernst. Er sagt dir, dass der Sami verletzt ist, nicht spielen kann und du jetzt gleich für ihn in der Startelf spielen wirst. Er gibt dir letzte taktische Anweisungen, du versuchst zuzuhören, aber in deinen Ohren nur das Rauschen deines Blutes. Du heißt Christoph Kramer, bist 23 Jahre alt und als Deutschland das letzte Mal in einem WM-Finale stand, 2002, da saßt du im Ballack-Trikot auf dem Sofa, hast beim Pfostenschuss von Olli Neuville dein Kinderbier verschüttet und lagst nach dem Schlusspfiff heulend in den Armen deines Vaters, der dich dann in dein Zimmer trug, wo du, kurz bevor dich der Schlaf übermannte, voller Enttäuschung das Lucio-Megaposter deines Vereins Bayer Leverkusen von der Wand reißen musstest. Jetzt stehst du auf dem Rasen, singst die Hymne, spielst gegen Messi und Argentinien. Du scheißt dir vor Angst in die Hose, aber dann denkst du an den Kinderarzt, an die Musterung und daran, wie du deiner Freundin gesagt hast, dass du sie liebst – und dann nimmst du dir vor, auch heute Eier zu zeigen. Und wie du das machst! Bis dich die Schulter von Ezequiel Garay beinahe aus dem Leben haut, du umfällst, liegen bleibst, nicht mehr aufstehen kannst und weißt, dass du in jedem anderen Spiel in deinem Leben sofort ausgewechselt werden müsstest. Aber nicht heute, also spielst du weiter und lässt niemanden merken, dass du eine Gehirnerschütterung hast und eigentlich nicht mehr Herr deiner Sinne bist. Nach 31 Minuten musst du doch raus. Dein Blick geht vielleicht zurück nach 2002 und Papas Armen und dem verfluchten Lucio-Poster, aber hier bist du definitiv nicht mehr anwesend. Viel später, du bist Weltmeister, sitzt du vielleicht in einem ruhigen Moment irgendwo auf einem Stuhl und kannst dir eines sicher sein: Du hast mehr Eier gezeigt als der Osterhase.