Bert Trautmanns 85. Geburtstag

»Kein Krieg in dieser Kabine«

Kaum ein Fußballer hat über die Grenzen des Spiels hinaus so viel bewegt wie Bert Trautmann. Heute wird der große Gentleman des Fußballs 85 Jahre alt. Matthias Paskowsky blickt zurück auf eine beispiellose Karriere. Bert Trautmanns 85. GeburtstagImago Den Schlusspfiff hört niemand mehr. Zuerst rennen Kinder auf den Platz, dann strömen tausende Menschen auf das Grün, um einen blonden Hünen auf den Schultern durch das Stadion an der Maine Road zu tragen. 60000 Fans sind in die Arena von Manchester City gekommen, um sich von Bernhard Carl Trautmann zu verabschieden. Und noch bevor dieser gerührt ein paar Dankesworte sagen kann, zerlegen einige das Tor, in dem »Bert« stand, bereits in kamingerechte Stücke. Nie wieder soll ein Torwart in dem Gebälk stehen, das ihr Idol zuletzt hütete.

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Der Mann, den die englischen Fans an jenem Mittwoch im April 1964 so feierlich verabschiedeten, hatte 15 Jahre zuvor eine eisige Begrüßung erlebt. In einer Geheimaktion hatte das Management von Manchester City den Deutschen vom unterklassigen St. Helens Town FC verpflichtet. Der ehemalige Fallschirmjäger hatte vor dem Krieg in der Jugend von Tura Bremen gespielt. Im Kriegsgefangenenlager »Camp 50« stand der gelernte Stürmer dann erstmals im Tor und machte schnell durch seine Glanzparaden von sich reden. Nun sollte Trautmann die Nachfolge des populären, aber fußballmüden City-Keepers Frank Swift antreten. Die Presse bekam Wind von den Plänen, und bald verkündeten die Manchester Evening News, dass City einen Deutschen namens »Berg Trautmann« unter Vertrag nehmen werde.

»Es gibt keinen Krieg in dieser Kabine«

Eine Lawine der Empörung wälzte über das Land. Vor allem in der Industriemetropole Manchester, über der die Heinkel-Geschwader der Luftwaffe noch wenige Jahre zuvor ihre Bombenschächte geleert hatten, hielt man wenig von der Verpflichtung eines »Krauts«. Auch die 40000 Juden in Manchester, die sich traditionell eher zu dem als protestantisch geltenden Manchester City FC hingezogen fühlten, fragten sich: Ein Deutscher im Tor?

Säckeweise stapelten sich Protestbriefe in der Geschäftsstelle, die Telefonleitung brac beinahe zusammen. Zu den kriegsbedingten Ressentiments gesellten sich die Stimmen der Tugendwächter: Wozu ein deutscher Torhüter, wo doch heimische Talente den Job mindestens genauso gut machen könnten? Doch Trautmann erhielt unerwartete Unterstützung: Dr. Alexander Altmann, Rabbi der jüdischen Gemeinde und selbst aus Nazideutschland geflüchtet, appellierte, den Deutschen nicht in Sippenhaft zu nehmen und ihm die Chance zu geben, sich als Sportsmann zu beweisen. Auch Citys Kapitän Eric Westwood, dekorierter Kriegsveteran, sprang für seinen neuen Torwart in die Bresche. »Es gibt keinen Krieg in dieser Kabine. Wir heißen dich willkommen wie jeden anderen. Fühl dich wie zu Hause, und viel Glück!«

Trautmann überzeugte seine Kritiker schon in den ersten Spielen für die City-Amateure, und auch das erste Spiel für die Profimannschaft im heimischen Stadion verlief wider Erwarten ohne größere Zwischenfälle. Nur eine Hand voll Fans hatten ihre Saisonkarten zurückgegeben, die Proteste Hartnäckiger vor dem Stadion verpufften wirkungslos. Die Loyalität zum Club hatte bei den City-Fans über die Abneigung gegen den Deutschen gesiegt. Und dieser machte es ihnen mit seinen Reflexen einfach, wohlwollend über seine Nationalität hinwegzusehen.

Selbstvergessen schmiss er sich in die Schüsse


Seinen Durchbruch schaffte Trautmann dann in London und damit in der Stadt, die wie kaum eine andere unter Hitlers Bombenterror zu leiden gehabt hatte. Die Fans des FC Fulham empfingen den Keeper wie erwartet mit einem bunten Medley aus antideutschen Hassparolen. Das kleine Stadion geriet zu einem Hexenkessel, in dem die City-Abwehr nach Belieben überrannt wurde. Doch es war wie bei Hase und Igel: Die Bälle pfiffen heran, aber Trautmann war schon da. Am Ende zollte das Publikum stehende Ovationen und die gegnerische Elf stellte sich in einer Reihe auf und applaudierte Trautmann. City verlor zwar 0:1, aber Trautmanns Stammplatz bei City war gesichert.

In den folgenden Jahren wurde der Bremer zu einem der Größten seiner Zunft, berühmt für seine Athletik und sein Stellungsspiel. Trautmann las das Spiel und erahnte den nächsten Schachzug des Angreifers, manch ein Coach empfahl seinen Stürmern, die Schüsse ohne Blickkontakt auf Trautmanns Tor zu hämmern. Er warf weit und gezielt ab und leitete so häufig erfolgreiche Angriffe ein. Vor allem aber schmiss er sich selbstvergessen in die Schüsse und behielt auch in ausweglosen Situationen die Kontrolle. Obwohl er regelmäßig verletzt war, wies sein Arbeitskonto nur wenige Fehltage auf. Gehirnerschütterungen wurden mit Pillen aus der Mannschaftsapotheke kuriert. Manchmal erfuhr er erst aus der Zeitung, wie schwer er am Vortag mit einem Gegenspieler zusammengeprallt war. Er selbst konnte sich daran nicht erinnern.

Haarscharf am Märtyrertod vorbeigeschrammt


Trautmann spielte stets, als müsse er etwas beweisen, als könne er durch seinen Einsatz eine nationale Katharsis erspielen. An jenem Maitag des Jahres 1956, City stand nach einem Fehlversuch zum zweiten Mal in Folge im Cupfinale, wurde klar, dass die Hingabe Bernd Trautmanns das übliche Maß an Loyalität weit überschritt. Birmingham Citys Stürmer Peter Murphy traf den einspringenden Trautmann in der 73. Minute mit der vollen Kraft seines Schussbeines im Genick. Mit Riechsalz wurde er aus der Bewusstlosigkeit geholt, trabte zurück ins Tor und hechtete in der letzten Viertelstunde noch zwei Mal kopfüber in den Lauf gegnerischer Angreifer. Erst Tage später wird sich herausstellen, dass Trautmann sich den zweiten Halswirbel gebrochen hatte und nur haarscharf am Märtyrertod in Wembley vorbeigeschrammt war.

Ständiges Streben nach Perfektion war seine Art, sich zu bedanken


Doch City hatte den Cup geholt. Nur konsequent für Trautmanns Vita, war die Stunde seines größten Erfolges von immensen Qualen begleitet. Dass die vielen anerkennenden Schulterklopfer den Weg zur Pokalverleihung zu einem Martyrium machten. Die Sinuskurve seines Lebens tendierte stets zum schnellen Richtungswechsel. Auf eine komplizierte Operation an der Halswirbelsäule folgte nur drei Wochen nach Wembley der Unfalltod seines Sohnes. Nach fünf Monaten Gipskorsett stand er zum Entsetzen seiner Ärzte sofort wieder auf dem Platz. Vielleicht aus Dankbarkeit gegenüber dem Fußball. Denn Trautmann hatte das Schicksal, nachdem er als 19-Jähriger an die Ostfront gekommen war und bis Kriegsende mit seiner Einheit »Odenwald« auf allen möglichen Schauplätzen des 2. Weltkrieges gekämpft hatte, als desillusionierten Kriegsgefangenen in den Nordwesten Englands verschlagen. Fußball wurde schnell zum wichtigsten Zeitvertreib und Lebensinhalt im Lager. Spiele gegen örtliche Mannschaften ließen Freundschaften zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern entstehen, und schon in seiner ersten Spielzeit bei St.Helens Town erfuhr Trautmann einen Grad von Zuneigung aus der Bevölkerung, der ihn zutiefst berührte.

Ständiges Streben nach Perfektion war seine Art, sich zu bedanken. Und so war jedes seiner mehr als 600 Spiele für City ein Länderspiel. Dabei gehört es zu den großen persönlichen Tragödien Trautmanns, dass er wegen Herbergers Aversion gegen die »Legionäre« nie das Trikot der deutschen Elf tragen durfte. Stattdessen führte er als Kapitän eine englische Ligaauswahl gegen Irland auf den Rasen und wurde als erster Ausländer in England zum Fußballer des Jahres gekürt. Elf Jahre nach Kriegsende waren dies überraschende, wenngleich auch folgerichtige Meriten. Kaum jemand verkörperte den »English Sportsman« so authentisch wie der Mann aus Norddeutschland. Trautmann kämpfte für den Fußball, für Manchester City und für sich selbst.

Er buhlte dabei nie um Sympathie, spielte nie für die Massen. Und deshalb glaubten sie ihm.