Bernd Schuster und wie ihn die Welt sieht

El buen alemán

Mit 21 verließ Bernd Schuster Deutschland und blieb als komischer Kauz in Erinnerung. Auch dass er den spanischen Fußball prägte wie kaum ein anderer konnte sein Image hierzulande nicht aufpolieren. Eine Schande, meint Tim Jürgens. Imago Auf wen hat das Sprichwort vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt, je besser gepasst? Als bestätigt war, dass Bernd Schuster beim bedeutendsten Klub der Erde das Traineramt übernimmt, meldete eine hiesige Agentur, der wahre Wunschkandidat sei eigentlich Lothar Matthäus gewesen. Eine Meldung aus der »Neuen Spezial«, aus »Mad«?

Leider nicht. Die Wahrnehmung des blonden Engels aus Augsburg ist und bleibt in Deutschland eben zwiespältig. Aber bei aller Liebe, Schuster im Augenblick seines größten Erfolgs als Trainer insofern die Kompetenz abzusprechen, indem über die Ticker geht, dass 2007 jeder zweitklassige Clown im Fußballzirkus sich inzwischen für das Operetten-Ensemble von Real eignet, grenzt schon an Frechheit. Warum fällt es uns so schwer, den bockigen Oberschwaben, dieses menschgewordene Gesamtkunstwerk – eine krude Mixtur aus Robert Redford, aus Antje, dem NDR-Walroß, und dem Miesmacherschlumpf – als das anzuerkennen, was er ist?

Schuster war schon immer ein Problemfall

Wir Deutsche beweisen bezüglich Schuster immer wieder eine eigentümliche Provinzialität. So wie sich die Landbevölkerung oft schwer tut anzuerkennen, wenn einer der ihren plötzlich in der großen Stadt zu Ruhm und Geld kommt, wollen wir nicht akzeptieren, dass ein deutscher Spieler mehr als sein halbes Leben in Spanien verbringt und dort alles abräumt, von dem wir mit unseren international nur wenig erfolgreichen Spitzenteams seit fast einem Jahrzehnt nur noch träumen können.

Schuster war schon immer ein Problemfall: Bei der EM 1980 wurde er als 20-Jähriger zum besten Spieler des Turniers gewählt, vier Jahre später aber überwarf er sich mit Bundestrainer Jupp Derwall. Ein fast unmögliches Unterfangen, wie man heute weiß, schließlich hatte der rheinländische Gutmensch sogar zugelassen, dass Breitner & Co. sich während des WM-Turniers 1982 (Schuster war verletzt) regelmäßig im Mannschaftshotel einen auf die Lampe gießen. Wer weiß, ob Derwall seinen Hut nach der verkorksten EM 1984 hätte nehmen müssen, wenn er auch bei Schuster ein Auge zugedrückt hätte….


Über Schuster hieß es, er würde schon zwei Spielzüge vorher wissen, was auf dem Feld passiert. Doch nüchterne Teutonen tun sich mit Zauberern seit jeher schwer. Das abseitige Image des blonden Engels wurde zusätzlich befeuert durch Schusters mondäne Gattin Gaby, über die Reiner Calmund später sagte, kein Berater hätte je so hart mit ihm verhandelt wie die grelle Spielerfrau. Auch die Rückkehr des verlorenen Genies aus Spanien 1993 zu Bayer Leverkusen endete im Fiasko. Im Machtkampf mit Erich Ribbeck wurde der Mittelfeldregisseur im November 1995 suspendiert. Im Jahr zuvor hatte er bei der Wahl zum Tor des Jahres noch die ersten drei (!) Plätze belegt.

Der große Unvollendete

„Eine schreckliche Situation. Die Kollegen haben ihn wie einen Aussätzigen behandelt“, beschrieb der damalige Bayer-Nachwuchsspieler Zecke Neuendorf den Moment, als Schuster sich zurück ins Training geklagt hatte. Sogar aufrechte Sportler wie Ulf Kirsten und Rudi Völler sollen Schuster damals bei jeder Ballberührung derart getreten haben wie einst Terrier Berti Vogts den renitenten Langhaarträger Ewald Lienen bei dessen erster Übungseinheit für Borussia Mönchengladbach. Bei unsortierten Diva-Vereinen wie Fortuna Köln und dem Ortsrivalen FC wurde man mit Schuster als Trainer auch nicht so recht warm. Seine Engagements dort waren jeweils nur von kurzer Dauer. Es schien, als bliebe er, als was er für uns Deutschen bis heute gilt: der große Unvollendete.

Für die Spanier aber ist er ein kühler Stratege, ein Fuchs, ein Käpsele. Sie lieben seine Grandezza, und sie verehren ihn für seine Kunst. The Good German. El buen alemán. Sie können das, was wir nie vermocht haben. Als Coach des Vorortklubs Getafe hat Schuster nun die Weihen des Königlichen empfangen. Ramon Calderon gefällt der schnelle Angriffsfußball, den er spielen lässt, und die Art, wie er mit den Medien umgeht. Und die hiesige Presse meldet, der Augsburger sei bei Real nur eine Verlegenheitslösung, weil im Präsidium des spanischen Hauptstadtklubs die aktuelle Handynummer des Lothar M. nicht verfügbar gewesen sei?!

Liebe Vorstände beim FC Arsenal, bei ManU, beim FC Chelsea, FC Barcelona, Juve, Inter und beim AC Milan, die aktuelle Handynummer von Lothar Matthäus ist der 11-Freunde-Redaktion bekannt. Wir können bestätigen, der Mann hebt auch ab. Bei Interesse an ihm als Trainer schicken Sie bitte einen Vertragsentwurf an die Redaktions-Adresse. Wir leiten dann alles Weitere in die Wege.

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Zwischen Genie und Gaby – die Karriere des Bernd Schuster www.11freunde.de/geschichtsstunde/19668 .