Bernd Schneider in der Form seines Lebens

Der Herzensfußballer des Jahres

Das muss man erst mal schaffen: 33 Jahre alt und 78-facher Nationalspieler sein – und trotzdem als Entdeckung der Saison gelten. Bernd Schneider ist es gelungen. Unser Kolumnist Christoph Biermann erklärt das Phänomen. Imago Man kann wirklich nicht sagen, dass Bernd Schneider dazu neigt, großes Aufheben von sich zu machen. Er flitzt gerne an Fernsehkameras vorbei und äußert sich auch sonst kaum öffentlich. Tut er es doch einmal, changieren seine Auskünfte zwischen Maulfaulheit und mildem Witz. Weil er seine Ruhe will, hat Schneider lukrative Angebote für Werbung ausgeschlagen. Aber Schneiders Zurückhaltung hat auch dazu beigetragen, dass seine großen Leistungen in der Vergangenheit oft übersehen worden sind. Doch damit ist es in der vergangenen Saison plötzlich vorbei gewesen, zu deren Ende er sich vor lauter Lobeshymnen und Ehrenbekundungen nicht mehr retten konnte. In seinem 14. Jahr als Fußballprofi erlebte er staunend fast so etwas wie eine Schnix-Mania. Bernd Schneider wurde zu jedermanns Herzensfußballer des Jahres.

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Doch was war eigentlich passiert? Hatte er sich als Spieler neu erfunden? Oder sahen wir etwa den besten Bernd Schneider aller Zeiten? Für seinen Trainer bei Bayer Leverkusen gibt es auf diese Fragen eine ziemlich einfache Antwort. »Es werden immer jene besonders wahrgenommen, die Tore schießen«, sagt Michael Skibbe. Nun ist Schneider zwar nicht gerade zum Torjäger aufgestiegen, aber elf Tore in den 45 Pflichtspielen der vergangenen Saison für Bayer Leverkusen sind eine für seine Verhältnisse ungewöhnliche Quote, vergleicht man das mit seinen insgesamt 39 Toren aus 280 Bundesligaspielen. 

Hinzu kam, dass einige dieser Treffer besonders spektakulär waren. Ein paar hübsche Freistöße waren dabei, in Erinnerung blieb aber vor allem das Tor im UEFA-Cup gegen die Blackburn Rovers, als Schneider den Ball per Hacke über die Linie lenkte. Dieser Treffer brachte auch seine Spielweise auf den Punkt, die immer leichtfüßig ist, spielerisch und die Witz hat, weil Schneider besondere Dinge am Ball versucht.

Meister des »verdeckten Anspiels«

Es muss hier wohl nicht noch einmal  ausgeführt werden, dass Schneider einer der wenigen deutschen Fußballer ist, dessen Freund ohne Abstriche der Ball ist. Anstatt all seine Fähigkeiten aufzulisten, sollte man daher vielleicht nur sagen, was er nicht so gut kann, denn da wäre nur sein Kopfballspiel zu nennen, und dass er nicht der Mann für die Balleroberung ist. Weil der Talente so viele sind, wird er in seinem Klub auf allen Positionen im offensiven Mittelfeld eingesetzt, von rechts über die Mitte bis zur linken Seite. Überall stiftet er mit seinen Dribblings beim Gegner die nötige Verwirrung.

Schneider ist aber auch ein Meister dessen, was sein Trainer »das verdeckte Anspiel« nennt. Er deutet durch Blick und Körperhaltung den Pass nach rechts an und spielt doch nach links. Sein Schalker Kollege Lincoln (den der Ehrenbrasilianer Schneider in der letzten Saison mit der Bemerkung »und du willst Brasilianer sein« so provozierte, dass der ihn schlug) hat dieses verdeckte Anspiel zu nervigen No-Look-Pässen aufgeblasen, in dem er unglaublich demonstrativ nach links schaut und noch demonstrativer nach rechts passt. Schneider hingegen macht es nur so, wie es nötig ist, um den Gegner zu foppen.
Skibbe sagt auch noch, dass Schneider ein strategisch agierender Spieler ist, aber das ergibt sich fast selbstverständlich. Er weiß halt, wie es zugeht auf dem Platz. Er kann am Ball alles, hat sein Talent über die Jahre gepflegt und irgendwann ist die Erfahrung hinzugekommen. Und nun, auf der Zielgeraden der Karriere, gibt es auch noch die ganz große öffentliche Anerkennung, was doch wirklich eine schöne Entwicklung ist.

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Bernd Schneider ging auch schon durch tiefe Täler. Leverkusens Albtraumsaison 2001/02 erzählen wir hier www.11freunde.de/bundesligen/102637 nach.