Berliner Amateurvereine und der gefährliche Traum vom Profifußball

»Ich will immer gewinnen«

Im vergangenen März hatte Zheng Viktoria kontaktiert, im Mai besuchte der Investor ein Spiel des Vereins, man einigte sich auf eine Zusammenarbeit, die Mitgliederversammlung beschloss mit großer Mehrheit, die erste Mannschaft als Profi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft auszugliedern. Aus China begann Geld zu fließen, mit dem Teichmann das unerfahrene Team mit gestandenen Profis mit Bundesliga-Erfahrung verstärkte, unter anderem verpflichtete er einen ehemaligen albanischen Nationalspieler.

Und plötzlich, als die Zahlungen ohne die Angabe von Gründen ausblieben, musste sich der Sportdirektor nicht mehr mit möglichen Umbauarbeiten am Stadion Lichterfelde und dem angestrebten Aufstieg in die Dritte Liga beschäftigen, sondern sich im Internet ein Basiswissen über Insolvenzrecht anlesen.


Das Stadion Lichterfelde im Südwesten der Stadt.                       Bild: imago

Es ist zuletzt viel gespottet worden über den traditionsreichen Klub, der unter seinem alten Namen BFC Viktoria 1889 immerhin zwei Mal Deutscher Meister war, 1908 und 1911. Der Spott ärgert Teichmann, der früher selbst als Innenverteidiger in der Regionalliga spielte und auch beim Konkurrenten Berliner AK schon Sportdirektor war. Nach der Meinung vieler Fußballfans hat sich Viktoria dem Investor aus China leichtfertig anvertraut, die Seele des Vereins verkauft. »Da heißt es dann: Das sind alles Osterhasen bei Viktoria, die wirtschaften schlecht, die können nicht eins plus eins rechnen«, sagt Teichmann. »Aber was hier passiert ist, ist nicht so, wie viele Leute draußen sich das denken.«

»Ich will immer gewinnen«

Er berichtet von Viktorias professioneller Geschäftsstelle, den ehrenamtlichen Helfern, derJugendarbeit, der Identifikation mit dem Verein und der Philosophie, Spielerkarrieren zu entwickeln, »von geboren bis Senioren«. Von der oft schwierigen Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt, das nur wenig Verständnis für die Bedürfnisse des Vereins hat. Er sagt aber auch: »Ich will immer gewinnen - und da kommen wir zu dem Problem.« Um in die Dritte Liga aufzusteigen und die Regionen des Amateurfußballs hinter sich zu lassen, brauche ein Berliner Regionalligist ein Budget von einer Million Euro, Minimum. »Und jetzt erzählen Sie mir mal, wie ein Berliner Regionalligist durch externe Sponsoreneinnahmen auf die Million kommen soll.«

Zuletzt war Viktoria an dieser Hürde gescheitert, wollte sich von den großen Ambitionen verabschieden. Das unverhoffte Geld aus China schien eine Tür öffnen zu können, die verschlossen schien. Für wenige Monate träumte Viktoria einen Traum, zu schön, um wahr zu sein. Rückblickend erinnern sich Vereinsmitarbeiter daran, der erste Kontakt aus China habe gewirkt wie eine jener Mails, in denen ein angeblicher afrikanischer Prinz schreibt, er habe zehn Millionen auf einem Konto und brauche mal schnell 300 000, um an das Geld zu kommen.

Der ehemalige Nationalspieler steht jetzt in Cottbus unter Vertrag

Das Erwachen war umso härter. Ein Insolvenzverwalter hat jetzt das Sagen bei Viktoria, in der Tabelle sind den Lichterfeldern nach den Regeln des Deutschen Fußball-Bunds neun Punkte abgezogen worden. Für mehrere Klubs hat diese Strafe in der Vergangenheit den Abstieg bedeutet, Viktoria ist erst einmal nur ins Mittelfeld abgerutscht. Und der Spielbetrieb ist fürs Erste gesichert, der ehemalige albanische Nationalspieler steht aber jetzt in Cottbus unter Vertrag.

Die Ausgliederung der ersten Mannschaft soll trotz des Fiaskos durchgezogen werden, nach Angaben des Vereins will eine »inländische Investorengruppe« bei Viktoria einsteigen. Teichmann hat nicht vor, sich von seinen Zielen zu verabschieden, spricht von einer weiteren Professionalisierung des Klubs. Er sagt: »Die Perspektive muss sein, den Weg weiterzugehen.«