Berliner Amateurvereine und der gefährliche Traum vom Profifußball

»Um das Produkt zu pushen, braucht man auch ein Gesicht«

Es ist ein kleiner Sieg für die TeBe- Fans, die bei Makkabi ein eher schauriges Spiel sehen. Tasmania gewinnt am Ende 2:1, und trotzdem feiert der Makkabi-Block, in dem auch Carsten Bangel steht und in dem ausschließlich Lila-Weiß getragen wird: »Tus Makkabi! Tus Makkabi! Te! U! Es!« Zwei Spieler nähern sich, fast schüchtern; sie klatschen zärtlich und bleiben vor der Aschenbahn stehen, als wäre sie ein tiefer Graben. Der Rest der Mannschaft gesellt sich hinzu. »Tus Makkabi! Tus Makkabi! Te! U! Es!« Die Spieler lachen. In ihren Gesichtern regt sich etwas. Man könnte es Glück nennen.

Bevor Stefan Teichmann Präsident von Berlin United wurde, hat er erst einmal den Markt analysiert. Er hat festgestellt, dass die Fußballvereine der Stadt in ihren Kiezen verankert sind. Für Teichmann, der hauptberuflich als Projektentwickler für Immobilien arbeitet, ist diese Verankerung kein Qualitätsmerkmal, sondern eine »Sackgasse«. Ihm schwebt für seinen Klub etwas ganz anderes vor: eine international bekannt Marke mit Fans in London und Madrid, ein rasanter Aufstieg von der siebten Liga in die Champions League in 20 Jahren. »Das schaffe ich aber nicht, wenn ich sage: Ich trete für Wilmersdorf oder Charlottenburg an, für West-Berlin oder Ost-Berlin«, sagt er. »Das ist mir alles zu örtlich.«

Teichmann sagt von sich gerne, er denke nicht wie ein Fußballer. Was die Berliner Konkurrenten gerade machen, interessiert ihn nicht wirklich. Tennis Borussia? Allein mit dem Wort »Tennis« im Namen, sagt er, werde es der Verein sehr schwer haben, in den Profifußball zu gelangen.

»Um das Produkt zu pushen, braucht man auch ein Gesicht«

Als Treffpunkt für ein Gespräch hat er ein nobles Hotel am Ku'damm vorgeschlagen. Mitgebracht hat er Thomas Häßler - Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 -, der Uniteds erste Mannschaft als Trainer gerade zum Aufstieg in die sechste Liga führen soll. »Wir haben sechs Punkte Vorsprung. Ich werde die Jungs schon so bearbeiten, dass wir den halten«, sagt Häßler. »Das ist meine Aufgabe.« Teichmann und Häßler machen allerdings auch kein Geheimnis daraus, dass die Bekanntheit des ehemaligen Nationalspielers auch ein Grund war, ihn zu engagieren. United wolle nun einmal extrem wachsen. »Um das Produkt Berlin United zu pushen, braucht man auch ein Gesicht«, sagt Teichmann. »Das ist zu 50 Prozent auch sein Job.« Dem Klubchef schwebt vor, den Verein schnell deutschlandweit bekannt zu machen, dann möglichst schnell weltweit.


Thomas Häßler soll Berlin United in den Profifußball führen.             Bild: imago


In der vergangenen Saison hieß Berlin United noch Club Italia, unter neuem Namen und mit neuem Logo, in dem auch die Wappen Berlins und Brandenburgs zu sehen sind, soll es jetzt steil nach oben gehen. Teichmann sucht derzeit Jugendtrainer, Nachwuchsspieler, einen Eventmanager für die Heimspiele der ersten Mannschaft. Und Social-Media-Berater, vorzugsweise mit Kenntnissen in Englisch, Russisch, Chinesisch, Koreanisch oder Japanisch. Warum? Er verweist auf das Sprachengewirr in der Stadt: »Der Markt ist doch da - und ich muss mich diesem Markt öffnen. Man braucht junges Blut, man braucht dynamisches Blut.«

Bis jetzt fehlt United außer einer Vision noch alles, um ein erfolgreicher Fußballverein zu sein. Gerüchte, hinter dem Projekt stehe ein möglicherweise im Ausland ansässiger Investor, weist Teichmann zurück: »Einen Leuchtturmpartner hat Berlin United nicht. Wir sind nicht aus der Industrie oder von irgendwelchen Firmen initiiert.« Aber er fange jetzt an, Partner ins Boot zu holen, »große Partner«.

»Wenn ich das outsource, dann funktioniert das«

Die wird United brauchen. Auch wenn der Verein bislang nur wenige Jugendmannschaften hat, plant er ein Nachwuchsleistungszentrum, auf 60 000 Quadratmetern, in City-Nähe und mit guter Verkehrsanbindung. »Ich will einen U-Bahn- oder S-Bahn-Anschluss«, sagt Teichmann. »Bus ist mir zu langsam, ich brauche Gleise.«

Im Gespräch lächelt Stefan Teichmann viel, er hat sichtlich Freude daran, sich als Querdenker und Provokateur zu präsentieren. Er komme nun mal aus der Baubranche und denke in Baustellen und Bauphasen, erklärt er. Für das Nachwuchszentrum sucht er im Moment nach Baugrund, der im Flächennutzungsplan für Freizeit und Sport vorgesehen ist, finanzieren und umsetzen will er den Bau mit einem Konsortium von Partnern. Der Verein soll das Gelände dann pachten, nach diesem Muster würden auch große Klubs wie RB Leipzig verfahren.

»Wenn ich das outsource, dann funktioniert das«, sagt er. »Diesen Weg muss ich gehen. Neue Wege, andere Wege, professionellere Wege.«Im Januar, erzählt Teichmann, hat Berlin United im Nordosten Mallorcas den Grundstein für ein Nachwuchszentrum legen lassen. Eine größere Finca mit Fußballplatz, die Teichmann schon vor seinem Engagement für den Verein in Planung hatte, bezugsfertig soll das Gelände im Sommer 2020 sein. »Dann kannst du da die Saisonvorbereitung auf die Oberliga machen«, sagt Teichmann und klopft Thomas Häßler lachend auf den Oberschenkel.

»Vorher hatte ich den Eindruck: Es funktioniert«

Von seinem Schreibtisch aus blickt Rocco Teichmann auf ein weißes Wandbord, kleine Magnettafeln stellen darauf das taktische Schema einer Fußballmannschaft dar. Jedes Täfelchen ist mit einem Namen und einer Rückennummer versehen und steht für einen Spieler im Kader der ersten Männermannschaft des FC Viktoria 89. Im vergangenen Jahr hat Teichmann, Sportdirektor des Regionalligisten, die Tafel des Öfteren umstrukturiert, er hat Spieler verpflichtet und sie wieder gehen sehen. »Aber die da jetzt hängen«, sagt der 32-Jährige, »die sind alle noch da.«

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der Klub steckt mitten in einem Insolvenzverfahren. Im Dezember blieben die Zahlungen des chinesischen Investors aus, der Viktoria aus der vierthöchsten deutschen Spielklasse in den Profifußball führen wollte. Der Verein hatte aber fest mit dem Geld geplant, unter anderem um Spieler zu bezahlen, auch Teichmann bekam plötzlich kein Gehalt mehr überwiesen. »Vorher hatte ich den Eindruck: Es funktioniert«, sagt Teichmann über die kurze, aber heftige Liaison zwischen Viktoria und dem milliardenschweren Hotelunternehmer Alex Zheng.