Berliner Amateurvereine und der gefährliche Traum vom Profifußball

»Das hat was von Revenge-Sex«

Warum gerade der BAK? Ein Klub, der in der Regionalliga vor durchschnittlich 474 Zuschauern spielt und damit Platz 14 der Zuschauertabelle belegt; der keine gewachsene Fanbasis hat und an seinem Standort Moabit mit dem denkmalgeschützten Poststadion auch nicht nennenswert wachsen kann. »Die Pläne des Investors kenne ich nicht«, sagt Mehmet Ali Han.

Er hat viel investiert in den Verein: Kraft, Arbeit und Geld natürlich. Über fast zwei Jahrzehnte seit 2001 dürfte ein zweistelliger Millionenbetrag zusammengekommen sein. Wie viel genau, das will er lieber gar nicht wissen. Ob er es weiß? Han lächelt. »Ich bin der Meinung: Ich habe mein Geld nicht verbrannt.«So nah wie am Sonntag wird Carsten Bangel seiner großen Liebe erst mal nicht mehr kommen. 700 Meter sind es von derJulius-Hirsch-Anlage bis zum Mommsenstadion, nur links die Straße runter. Den Flutlichtmast kann man schon sehen. Rechts geht es nach Hause. Bangel biegt nach links ab. Am Mommsenstadion hält er an, er steigt vom Fahrrad und überlegt, ob er sich für einen Moment auf die leere Tribüne setzen soll. Keine gute Idee, findet er.

Wem gehört Tennis Borussia?

Gut drei Stunden vorher. Um kurz nach elf ist Bangel zum Treffpunkt der TeBe-Fans am S-Bahnhof Grunewald gekommen, um zwölf spielen Makkabi und Tasmania in der Berlin-Liga gegeneinander. Gleich zwei Vereine, mit denen sich die Anhänger von Tennis Borussia identifizieren können. Anders als mit ihrem eigenen Verein. »Es tut gut, sich willkommen zu fühlen«, sagt Bangel. Dieses Gefühl hatten sie bei TeBe schön länger nicht mehr. Da waren sie die linken Querulanten, die die Politik ins Stadion getragen haben.

Bei der Mitgliederversammlung vor vier Wochen ist der Streit eskaliert. De jure ging es um Neuwahlen für den Aufsichtsrat, de facto um die Frage: Wem gehört Tennis Borussia? Jens Redlich, dem Vorsitzenden und Chef des Hauptsponsors Crunch Fit, der in drei Jahren insgesamt 2,5 Millionen Euro investiert hat? Oder den aktiven Fans, die vor einem knappen Jahrzehnt den Klub nach der zweiten Insolvenz mit ihrem Engagement vor dem Aus gerettet haben?

Seit der Mitgliederversammlung befindet sich ein Teil der Fans in der inneren Emigration - weil sie finden, dass Redlich mit unredlichen Mitteln seine Kandidaten für den Aufsichtsrat durchgebracht hat. Redlich bestreitet das. Vier Arbeitsgruppen beschäftigen sich seitdem damit, TeBe ein zweites Mal zu retten. Eine ist die AG Exil, die Anfang Februar in der »Fußballwoche« eine Chiffre-Anzeige geschaltet hat: »Kleine engagierte Fan-Szene mit dreistelligem Mobilisierungspotenzial sucht vorübergehend Verein.« Die Resonanz war überwältigend. Die gesamte Rückrunde ist verplant, mit Besuchen auf Berliner Kreisligaplätzen, bei den Wasserfreunden Spandau, in Wien, Leipzig, Wiesbaden - nur nichtbei Tennis Borussia.

»Das hat was von Revenge-Sex«

Heute also Makkabi gegen Tasmania. Die TeBe-Fans haben überlegt, ob sie beide Mannschaften anfeuern sollen, alle fünf Minuten das Lager wechseln oder immer den unterstützen, der gerade angreift. Am Ende hielten sie es für das Beste, sich aufzuteilen. Die einen werden Tasmania anfeuern, die anderen Makkabi. Die einen treffen sich am S-Bahnhof Messe-Süd und ziehen von dort zur Julius- Hirsch-Anlage, die anderen vom S-Bahnhof Grunewald.

Carsten Bangel, 50 Jahre alt, trägt ein lila Hemd unter der Jacke und einen TeBe-Rucksack auf dem Rücken. Schon zu Bundesligazeiten, Mitte der Siebziger, ist er zu Tennis Borussia gegangen, vor fast 20 Jahren ist er Stadionsprecher im Mommsenstadion geworden, und sofern es die Umstände zuließen, hat er die Mannschaft auch zu Auswärtsspielen begleitet. Bei TeBe ist er bekannt wie ein lila-weißer Hund. Eine Familie steigt am Grunewald aus der Bahn, der Vater grüßt freundlich und fragt: »Makkabi ist hier, oder?«

Auf dem S-Bahnsteig wird blaues und weißes Konfetti verteilt, 25 Fans ziehen zu Fuß durch den Grunewald zu Makkabi. »Es gibt jede Menge Analogien zu gescheiterten Beziehungen«, sagt Bangel. »Das hat was von Revenge-Sex: Einerseits ist es befreiend, andererseits weißt du: Eigentlich gehörst du nicht hierhin.« Wenn bei Makkabi die zweite Hälfte beginnt, wird in Staaken das erste Rückrundenspiel von TeBe in der Oberliga angepfiffen. Der Weg führt an der Anlage des Tennisvereins Tennis Borussia vorbei. Über dem Ausgang steht: »Auf Wiedersehen bei TeBe«.

»Du kannst zu Crunch Fit geh'n!«

Am Abend zuvor hat Bangel dem Verein mitgeteilt, dass er fortan nicht mehr als Stadionsprecher zur Verfügung stehe. »Leicht ist es mir nicht gefallen«, sagt er. Aber das, was in den vergangenen Wochen passiert ist, »geht über meine Schmerzgrenze«.

Stattdessen sechste Liga, eine Bezirkssportanlage zwischen Kleingärten und Tennisplätzen. Makkabis Spiel zuvor wollten 25 Zuschauer sehen. Heute sollen es mehr als 200 sein, bestimmt 170 kommen von TeBe. Die Lila-Weißen verteilen sich paritätisch links und rechts der Mittellinie. Sie hängen TeBe- Banner an das rostige Geländer, und beim Anpfiff flattert Konfetti durch die Luft. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. »In Staaken ist das Wetter nicht so schön«, sagt jemand.

Es ist wie eine Versuchsanordnung unter Laborbedingungen. Eine Gruppe Fans feuert einen Verein an, zu dem es keine emotionale Bindung gibt. Und doch ahnt man, was Fankultur ausmacht: wenn ein Einzelner einen Liedtext ausprobiert, andere, noch zaghaft, einstimmen und am Ende alle mitsingen. »Du kannst zu Crunch Fit geh'n!«, rufen sie, wenn ein Spieler den Ball ins Aus bolzt. Oder: »Scheißegal, was passiert, welcher Sponsor uns regiert, Lila-Weiß wird niemals untergeh'n.«

Einige schauen auf ihr Handy, um zu erfahren, was in Staaken passiert. 15 TeBe-Fans sollen beim Spiel sein. Später ist von 50 die Rede, am Ende sind es doch 100. »Kaum Sprechchöre, nur ein Transparent, das kennt man bei TeBe eigentlich nicht«, schreibt die »Fußballwoche« am Tag danach.