Berlin? Hauptsache weg!

Verletzte Seelen

Hertha BSC laufen die Leute davon. Da hat der Verein jahrelang in die Jugend investiert, doch jetzt ist Undank der Welten Lohn und den Boatengs, Dejagahs & Co. geht es bloß um den schnöden Mammon. Oder doch nicht? 11-Freunde-Redakteur Jens Kirschneck hat da eine Idee. Neulich erlitt ich einen Kulturschock. Während einer dreiwöchigen Reise durch Kanada wurde ich mit einem Phänomen konfrontiert, das einem im Berliner Alltag höchst selten begegnet: zwischenmenschliche Wärme im Dienstleistungsbereich. Scherzende Bäcker, lebenskluge Hotdogverkäufer, rührend bemühte Hoteliers – im Zeichen des Ahornblatts ist der Kunde noch König.

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Ein Luxus ist das, wie einem nach der Rückkehr in die Hauptstadt schnell wieder bewusst wird. Wenn man es etwa wagt, einen Berliner Busfahrer nach dem Weg zu fragen, ohne in seinen Bus einsteigen zu wollen. Man ruft ihm fröhlich vom Bürgersteig zu: "Wissen Sie, wo die Seydlitzstraße ist?" Diese Frage ist eher eine rhetorische, denn die Straße ist als Teil der Route an der Haltestelle angeschlagen und muss außerdem ganz in der Nähe sein. Doch der Fahrer wendet nicht mal den Kopf, er blickt nur weiter glasig nach vorne und sagt: "Weiß ich nicht." Dann geht die Tür zu und der Bus fährt los.

Zeit, ein wenig bockig zu werden

Oder man läuft zu einer Dönerbude und sagt: "Eine Portion Dönerfleisch mit Krautsalat, bitte." "Döner im Brot oder Dönerteller?", entgegnet der Mann hinter dem Tresen. "Dönerteller", das weiß der erfahrene Zugereiste, bedeutet mindestens fünf Pfund schmieriger Pommes dazu, und man will ja wenigstens die Illusion einer bewussten Ernährung aufrechterhalten. Also: "Einfach etwas Fleisch mit Krautsalat, bitte!" "Haben wir nicht", sagt der Mann hinter dem Tresen. "Wir haben nur Döner im Brot oder Dönerteller." Neben ihm hängt ein Dönerspieß, vor ihm in der Auslage steht eine Schale Krautsalat. Da ist es an der Zeit, mal ein wenig bockig zu werden und, nur so als Drohkulisse und um die Sache voranzubringen, zu sagen: "Dann werden wir uns wohl nicht einig werden." Doch der Mann zuckt nur mit den Achseln und wendet sich dem nächsten Kunden zu. Unglaublich: Wenn schon Menschen aus Ländern, die für ihre Gastfreundschaft geradezu berüchtigt sind, sich dem rüden Berliner Dienstleistungs-Mainstream anpassen, dann gute Nacht.

Berlin? Hauptsache weg!

Warum ich das alles erzähle? Weil es etwas Licht in eine Beobachtung der aktuellen Transferperiode bringen kann: Hertha BSC laufen die Leute weg. Gerade die jungen, die der Klub selbst ausgebildet hat, seien es die Brüder Boateng, der talentierte Torwart Pellatz, der offensive Ashkan Dejagah und der defensive Christopher Schorch. Vordergründig betrachtet, geht es dabei ums Geld, vielleicht auch um sportliche Perspektiven, aber möglicherweise steckt etwas ganz anderes dahinter: verletzte Seelen. Einmal zu oft vom Busfahrer angeblafft, traumatische Erfahrungen beim Dönerkauf, wer weiß. Steter Tropfen höhlt den Stein. Für diese Theorie spricht, dass das Fluchtziel in einigen Fällen wahllos erscheint. Wen es, wie einen Dejagah, nach Wolfsburg zieht, der will einfach nur raus, Hauptsache weg. Und vielleicht ist ja das Binnenklima auf dem Klubgelände der Hertha ebenso schroff wie das der Dienstleistungswüste Berlin. Vielleicht verströmt der Verein selbst das so spröde wie eisige Charisma eines Fahrers der Berliner Verkehrsbetriebe. Dann allerdings steht es um Hertha BSC noch schlimmer, als alle dachten.