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Was will Borussia in Berlin?

Borussia Dortmund steht nach fünf gewonnen DFB-Pokal-Spielen nun plötzlich im UEFA-Cup. Das ging sogar für manchen Fan zu schnell. BVB-Experte desperado09 traut seiner Mannschaft vor allem in negativer Hinsicht einiges zu. Berlin, Berlin -imago images
Borussia ist im Pokalfinale. Hallo! Borussia ist im Pokalfinale! Haaalloooo?! Also, noch mal: Boruuuuussia ist im Poookaaaalfinaaaaleeee! Warum höre ich hier keinen Jubel? Keine Gefühlsausbrüche? Vielleicht jetzt: DER BVB STEHT IM POKALFINALE!!!!!! Ich geb's auf.

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Dieses Selbstgespräch führe ich seit dem Sieg gegen Jena. Borussia zog nach 19 laaaangen Jahren wieder ins DFB-Pokalfinale ein, und an mir zog alles vorbei wie ein Film. Sturm der Emotionen? Eher gefühlte Flaute. Total unwirklich und unglaublich. Ich kann mir nicht erklären, woran es liegt. Ich vermute, es hat mit der klaffenden Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei meiner Borussia zu tun. Sehr gut möglich, dass der Anspruch nur gefühlt ist. Hat Aki Watzke nicht vor der Saison versichert, es gebe kein Saisonziel? Klar, ich habe da zwischen den Zeilen immer ein deutliches „»Wir wollen in den internationalen Wettbewerb« gehört. Aber für das, was man zwischen den Zeilen zu hören glaubt, ist man ja letztlich selbst verantwortlich, oder?

Es häufen sich die Enttäuschungen


Ich habe mir die Mannschaft angesehen und das gedacht, was vermutlich die Mehrheit der BVB-Fans auch gedacht hat: Die individuelle Klasse unserer Spieler sollte reichen, um zwischen Platz fünf und neun zu landen. Das glaube ich sogar immer noch. Dumm nur, dass die Spieler sie so selten zeigen, die individuelle Klasse. Und als geschlossen starke Mannschaft treten sie noch seltener auf. Stattdessen häufen sich auf dem Rasen die Enttäuschungen. Immer und immer wieder.

Auf große Spiele folgen schlechte und sehr schlechte Partien. Die Mannschaft versprüht keinen Esprit, keine Leidenschaft, keine Freude. Natürlich gehe ich nicht ins Stadion, um mich zu amüsieren, sondern um meine Mannschaft anzufeuern. Aber ich will ehrlich sein: Mit Spaß ist es doch deutlich schöner. Wie lange ist es eigentlich her, dass Borussia zu Hause ein Spiel verloren hat, einfach weil der Gegner besser war? Nicht, weil unsere Mannschaft sich dumm angestellt hat, taktische Defizite offenbarte oder einfach schlecht spielte? Mir fällt da eine 1:2-Heimniederlage gegen Bayern München ein. Stattdessen gehen wir selbst nach Siegen aus dem Stadion und ärgern uns über den uninspirierten Fußball, den unsere Jungs da mal wieder gezeigt haben.

Es fällt schwer, sich in dieser Saison auf überhaupt irgendetwas zu freuen. Und ausgerechnet in dieser Situation schafft der BVB das, worauf ich mich seit 19 Jahren freue: Pokalfinale! Wie sich das schreibt, spricht, fühlt - herrlich! P-O-K-A-L-F-I-N-A-L-E. Wie es auf der Zunge zergeht!

Erfolg mit Beigeschmack

Fünf Siege, eine gute Portion Glück - UEFA-Cup erreicht. Das wäre ja okay, wenn die Mannschaft die Siege im Pokal durch engagierte Leitungen im Ligaalltag zumindest halbwegs gerechtfertigt hätte. Aber so kommt mir die Teilnahme am Pokalfinale vor wie eine Farce. Ich schaffe es einfach nicht, mich auf das Pokalfinale zu freuen. Klar, ich finde es super, dass wir es geschafft haben, wieder nach Berlin zu kommen. Aber das spielt sich irgendwie nur im Kopf ab. Ich erinnere mich, wie ich mich früher vor möglichen Titelgewinnen gefühlt habe. Da war diese Aufregung. Ständig spukte Borussia in meinen Gedanken herum. Ich kann nicht mal behaupten, dass ich Angst vor einer Niederlage im Finale hätte. Ich fürchte mich eher vor einer Blamage. Davor, dass 100.000 Borussen nach Berlin fahren, und die Mannschaft auf dem Platz nicht alles, alles, alles gibt, um den Pott nach Dortmund zu holen. In negativer Hinsicht traue ich dieser Mannschaft so unendlich viel zu. Das macht mich traurig.

Nun ja, vielleicht belehrt mich die Mannschaft eines besseren und gibt im Finale wirklich alles. Ich hoffe es. Und in dem Moment, da ich voller Hoffnung an eine gegen überlegene Bayern kämpfende Borussia denke, kommt auch die Vorfreude aufs Finale in mir hoch. Wir sind im Finale! Los! Hintern hoch! Und mal ehrlich: Was hat unsere Stimmung, was hat unsere Vorfreude denn mit denen da auf dem Rasen zu tun? WIR fahren nach Berlin. Und die Mannschaft nehmen wir einfach mit.