Benjamin Stambouli über Schalke, das Derby und Cojones

»Wir sind Schalker, asoziale Schalker«

Wie kommt ein Franzose im Ruhrpott zurecht? Schalkes Benjamin Stambouli sagt: Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Wir trafen ihn zum Interview. 

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Benjamin Stambouli, Ihr Vater Henri ist Trainer, Ihr Opa Gerard Banide coachte Montpellier und Monaco, genau wie Ihr Onkel Laurent. Wie muss man sich Weihnachtsfeste bei Ihnen zu Hause vorstellen?
Wir reden eigentlich die ganze Zeit über Fußball. Auch meine Oma und meine Mutter können mitreden, aber ab und an wird es ihnen zu viel. Einmal nahmen wir Männer die Wasserflaschen, die Salzstreuer und die Gläser – wir stellten ein 4-4-2 auf dem Esstisch auf. Mein Vater und mein Opa wollten mir zeigen, wie die Defensive dabei verschieben muss. Da wurde es meiner Mutter zu bunt und sie rief: »Seid ihr noch bei Trost? Wir essen jetzt.«

War es früher für Sie ein Vor- oder Nachteil, aus so einer bekannten Familie zu stammen?
In meiner Jugend habe ich schon den Druck auf meinen Schultern gespürt, ein Stambouli zu sein. Ich wollte den Erfolgen meiner Familie gerecht werden. Doch wenn meine Familie bei den Spielen zum Zuschauen kam, versagten mir die Nerven. Mit 14 spielte ich auswärts in Cannes, es war wohl das grottigste Spiel meines Lebens. Ich weinte vor Zorn. Da setzte sich mein Onkel zu mir und sagte: »Egal, ob du Bauer, Bäcker oder Fußballer wirst, wir werden dich auch so lieben.« Von da an hatte ich den Kopf frei. Generell war es immer ein Vorteil, auf den Rat von Opa, Papa und Onkel hören zu können.

Welcher Rat hat Sie besonders geprägt?
Mit 17 Jahren endete mein Vertrag in der Jugendakademie von Montpellier. Ich war drauf und dran, mich bei der französischen Armee zu verpflichten. Ich wollte zu den Spezialeinheiten. Eines Tages war mein Onkel zufällig zu Besuch und entdeckte die Verpflichtungserklärung auf dem Tisch. Er sagte: »Spiel lieber Fußball. Mit dem Geist der Armee.« Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis.

Haben Sie in Ihrer Jugend den deutschen Fußball verfolgt?
Oh ja. Ich habe die Sendung des Journalisten Jean-Charles Sabbatier angesehen, der die Bundesliga in Frankreich vorgestellt hat. Das war zu der Zeit, als Johan Micoud mit Bremen Meister wurde. Ich war fasziniert von Micoud und durfte ihn später in einer Talkshow treffen. Ein sehr netter Typ. Und ich kann mich fernab vom Fußball erinnern, eine deutsche TV-Serie geschaut zu haben. Es ging um einen Polizisten, der sich eine Clownsmaske übergezogen hat und dann Fälle löste.

Doch nicht etwa »Der Clown«?
Doch, so hieß sie. Die fand ich super.

Sie spielten in Frankreich für Montpellier und Paris Saint-Germain. Seit drei Jahren sind Sie beim FC Schalke. Wie unterscheidet sich der Alltag als Spieler in Frankreich und Deutschland?
Ich habe bisher zwar nur zwei Trainer in Deutschland kennengelernt, aber was mir in jedem Fall auffällt, ist die hohe Trainingsintensität. Hier musst du dich die gesamte Woche über beweisen, um am Wochenende von Anfang an zu spielen. Es geht zur Sache. In Frankreich dreht sich das Training mehr darum, dass alle in Form bleiben oder die Spieler langsam in den Spielrhythmus kommen.

Also geht es hierzulande in den Übungen härter zu?
Die Deutschen legen definitiv mehr Wert auf die Physis. Wir gehen auf Schalke häufig in den Kraftraum und machen auch während der Saison sehr viele Lauf- und Sprintübungen. Das liegt auch daran, dass das Tempo in Deutschland höher ist. In Frankreich haben wir häufig taktisch trainiert.

Neven Subotic fiel auf, dass die Trainer in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland ihren Offensivspielern viele Freiheiten geben, gerade im Eins gegen Eins.
Das ist wahr. Das sehen nicht nur die Trainer so, sondern auch die Mannschaften. Jeder rennt für den einen Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Wenn er dribbelt und hängenbleibt – kein Problem, dann springt jemand in die Bresche. Das Dribbling wird in Frankreich wertgeschätzt. Mir gefällt das, auch wenn ich selbst nicht über solche Fähigkeiten verfüge. Aber ich erledige gerne die Drecksarbeit für die Künstler.