Belgischer Nationaltrainer Martinez im Interview

»Wir wollen ein Winning Team werden«

Roberto Martinez ist Spanier und hat sein ganzes Fußballleben in England verbracht. Nun betreut er Belgien und übernimmt bereitwillig die Rolle des WM-Geheimfavoriten.

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Roberto Martinez, als Sie 2016 belgischer Nationaltrainer wurden, gab es vorher eine offene Ausschreibung auf der Website des Verbands. Haben Sie daraufhin etwa Ihren Lebenslauf geschickt?

Nein, ein Bekannter hat den Kontakt hergestellt. Ich fand es damals übrigens durchaus mutig, mit mir jemanden einzustellen, der noch nicht auf internationalem Niveau gearbeitet hat.

Aber man kannte Sie doch in Belgien bereits?

Das stimmt. Mein großer Vorteil war, dass die Premier League hier von vielen verfolgt wird. Es war also bekannt, dass ich als Trainer in Everton sowohl Marouane Fellaini für eine Rekordsumme zu Manchester United verkauft als auch Romelu Lukaku für die größte Summe geholt habe, die Everton je ausgegeben hat. Also zwei belgische Nationalspieler.

Was hat Sie als Trainer in England denn an Belgien interessiert?

Mich hat immer fasziniert, wie ein kleines Land von elf Millionen Menschen eine solche Menge von in jeder Hinsicht hochtalentierten Fußballern hervorbringen kann, die zudem eine unglaubliche Mentalität mitbringen, offen im Geist sind und somit wichtig in der Kabine sein können.

Inwiefern wichtig in der Kabine?

In einer derart kosmopolitischen Liga wie der Premier League fällt es sofort auf, wenn ein neuer Spieler aus dem Ausland, der seine Identität und Qualität mitbringt, gleich deutlich macht: Ich will ein Teil der Gruppe sein. Wie Sie sich vorstellen können, habe ich in den letzten zehn Jahren in der Premier League große Unterschiede erlebt, was Nationalitäten und Kulturen angeht, die in eine Kabine kommen.

Wie sehen diese Unterschiede aus?

Spielern aus manchen Ländern fällt es leicht zuzuhören, sich anzupassen und einen gemeinsamen Nenner zu finden, um ein Team zu werden. Andere sind eher ihrem eigenen Ding verhaftet. Wenn ein belgischer Spieler in eine Premier-League-Kabine kommt, weiß der Trainer, dass er ein Gewinn für die Mannschaft sein wird. Belgier wollen zuhören. Respekt und Kompromiss sind Teil ihrer Kultur.

Inwiefern beeinflusst Ihre Erfahrung in der Premier League Ihre Arbeit mit den Spielern der belgischen Nationalmannschaft?

Wir haben ungefähr 25 Spieler, die im British Game sind. Da ist es schon hilfreich, dass ich ein bisschen Kenntnis von der Premier League habe, die wohl die anspruchsvollste Liga der Welt ist. Ich kann also einschätzen, was diese Spieler in den Klubs machen, und ihre Form entsprechend einordnen.

Sie selber wechselten im Jahr 1995 als Spieler aus Spanien nach England, als das noch sehr ungewöhnlich war. Wie kam es überhaupt dazu?

Ich gehörte zu den drei ersten spanischen Spielern, die nach dem Bosman-Urteil nach England gegangen sind. Das passierte im Rahmen des Projekts von Dave Whelan, der als Besitzer von Wigan Athletic den Klub in die Premier League bringen wollte.

Sie waren einer der »Drei Amigos« in Wigan, einem Klub, der zu diesem Zeitpunkt noch in der vierten englischen Liga spielte.

Ja, es war eine faszinierende Zeit. Wir sind gleich in der ersten Saison aufgestiegen, und für mich sind insgesamt 21 Jahre auf der Insel daraus geworden. Im Laufe der Zeit habe ich auf verschiedenen Niveaus gespielt und als Trainer gearbeitet.