Begegnung mit Viktor Skripnik

Sie haben Ihr Ziel erreicht

Wenn Viktor Skripnik »Dnipro Dnipropetrovsk« sagt, klingt das wie die Durchsage eines ukrainischen Navis. Der Startpunkt einer langen Reise, über die er in unserem Interview spricht.

Matthias Haslauer
Heft: #
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Am Abend, beim Abhören des Tonbands, kann man noch mal in Ruhe nachzählen: Siebzehn Mal sagt Viktor Skripnik »Dnipro Dnipropetrovsk«. Diese beiden Wörter sind in seinen Ausführungen das, was in den Songs von Bruce Springsteen einmal das Saxofon von Clarence Clemons war: der Signature Sound. Dnipro Dnipropetrovsk.

Könnte man das Auf und Ab hörbar machen, das der Fußball den Biografien mancher seiner Helden einschreibt, es klänge wohl genau so: Dnipro Dnipropetrovsk. Eine Ansammlung härtester Zumutungen auf engstem Raum, in dessen verborgenen Winkeln Kerzen der Hoffnung flackern. Dnipro Dnipropetrovsk. Es braucht jemanden, der sich durch all die Konsonanten hindurchkämpft, die Vokale entdeckt und sie zum Tönen bringt, wo ein Unerfahrener sich bloß die Zunge zerren würde. Dnipro Dnipropetrovsk: Wenn Viktor Skripnik das sagt, dann klingt es nach Permafrost und zugleich nach einem heißen Herzen, nach einem Aus in der ersten Runde des Intertoto-Cups und dem großen Traum, der dennoch nicht aufhört. Es ist der Name seines Heimatvereins. Von dort brach er einst auf, in den Goldenen Westen. Dnipro Dnipropetrovsk – Werder Bremen: Die Durchsage eines ukrainischen Navigationssystems. Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Im Jackett würde man ihn nicht erkennen

Am Tag nach dem Orkan Niklas zeigt der Bremer Frühling sich als tiefster Herbst. Doch obwohl der April mit Sturm und Hagel daherkommt, ist Viktor Skripniks Haut bereits sonnengegerbt. Den Teint hat er tatsächlich mit Thomas Schaaf gemein, seinem Vorvorgänger als Trainer des SV Werder: Es ist der eines Trawler-Kapitäns, der es vorzieht, dauerhaft an Deck zu stehen. Trainer sein in Bremen ist seit jeher wie Wetter ohne Schirm. Schwer vorstellbar, dass Bundestrainer Joachim Löw zu einem seiner seltenen Besuche in Bremen Herrenpflegeprodukte als Gastgeschenk mitbringt. Viktor Skripnik erscheint zum Interview in einem Trainingsanzug, auf die seine Initialen geflockt sind. Trüge er ein Jackett, man würde ihn wohl kaum erkennen.

Dnipro Dnipropetrovsk. Dort begann vor nun beinah dreißig Jahren seine Fußballkarriere, dort liegt sein emotionaler Eichpunkt. Er erinnert ihn daran, woher er kommt, welches irreale Glück er hatte, sich von einem mittelprächtigen Außenverteidiger in den unendlichen Weiten des sowjetischen Fußballs zum Cheftrainer eines deutschen Bundesligisten gemacht zu haben, er lehrt ihn Demut. Dnipro Dnipropetrovsk, weit hinter dem Eisernen Vorhang, wo man sich nicht einmal die Namen westlicher Vereine laut auszusprechen traute. »Ich war ein junger Mann in einem riesigen Land, über dessen Grenzen man nicht hinwegschauen konnte«, sagt Skripnik. Dass er 1996 trotzdem nach Bremen gekommen sei – »ein Zufall, ein sehr glücklicher Zufall.«

»Ich bin traurig, wenn unsere Tischtennismannschaft verloren hat«

Beim ersten Training begrüßte Dieter Eilts, der Mann aus Upgant-Schott, Viktor Skripnik, den Mann aus Dnipropetrovsk, mit einer Blutgrätsche. »Auf einem Schlackeplatz. Bei Frost. Und Dieter trug eine kurze Hose.« Kein Grund davonzulaufen. Im Gegenteil: Skripnik wurde Werder-Fan, bis heute holt er sich jeden Montagmorgen die Pressemappen mit den Spielergebnissen aller Sparten. »Ich bin traurig, wenn ich sehe, dass unsere Tischtennismannschaft verloren hat«, sagt er.