Begegnung mit Paulo Sousa

Der Winnetou des Fußballs

1997 gewann Paulo Sousa mit dem BVB die Champions League. Heute ist er Trainer des FC Basel – und wird, so sagt er, den Triumph wiederholen. Kein Zweifel. Begegnung mit einem Siegertypen.

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Dubium sapientiae initium. Zweifel sei, sagte Descartes, der Weisheit Anfang. Nun kann man lebendigen Trainern natürlich nicht mit verstorbenen Philosophen kommen, aus einer Zeit, da der Fußball noch nicht einmal erfunden war. Auch nicht mit dem dezenten Hinweis, sie stünden womöglich noch am Anfang der Weisheit. Trainer neigen schließlich berufsbedingt zur Selbsteingenommenheit, manche halten sich sogar für unfehlbar, man muss da sehr vorsichtig sein.

Und erst recht darf man ihnen nicht mit Zweifeln kommen: Denn wo sonst herrscht das Gegenteil von Zweifeln, die Überzeugung, derart vor wie in ihrem Sport? Die Überzeugung, sie ist hier mindestens tausendprozentig, neuerdings sogar brutal. Ist ja richtig: Hat man sie nicht, kann man es auch gleich bleiben lassen – das wahnwitzige Unterfangen, den Ball in ein Tor schießen zu wollen, das von elf feindlich gesinnten Männern strenger bewacht wird als der chinesische Kaiserpalast. 

»Ich will auch als Trainer die Champions League gewinnen«

Und doch möchte man diesem Paulo Sousa, der kerzengerade auf einer Holzbank in der Schiedsrichterkabine des St. Jakob-Parks zu Basel sitzt und, ohne mit der Wimper zu zucken, sagt: »Ich will auch als Trainer die Champions League gewinnen. Und das werde ich auch schaffen. Kein Zweifel«, der auf mehrfaches Nachfragen, Einwenden, ja Protestieren immer noch sagt: »Ich habe nicht den geringsten Zweifel«, gern noch etwas anderes entgegnen als ein ziemlich erschöpftes: »Aha.«

Paulo Sousa, weit aufgerissene, glasklare Augen, sehr viele weiße Zähne, asketische Figur, ultrapräzise Karate-Gestik: So sehen Sieger aus. Man prallt regelrecht ab an seiner Aura, wie ein Kleinkind, das mit Anlauf in einen Hüpfball springt. Dubium sapientiae initium? Ärgerlich, dass einem diese superschlauen Descartes-Zitate immer erst hinterher einfallen.

Die Aura eines irgendwie unheimlichen Mannes

Immerhin ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Descartes auch in der Kabine von Borussia Dortmund keine Rolle spielte, damals, in der Champions-League-Saison 1996/97. Außer vielleicht bei Ottmar Hitzfeld, der manchmal, zum bloßen Zeitvertreib, in seinem Trainerzimmer auf einem karierten Block den Fußballgottesbeweis erbrachte, aber dann doch lieber für sich behielt. Paulo Sousa war gerade von Juventus Turin gekommen, dort hatte er schon einmal die Champions League gewonnen, und das würde er mit dem BVB, kein Zweifel natürlich, gleich noch einmal tun.

Ebendies hatte er den Journalisten auf seiner Vorstellungspressekonferenz im August 1996 auch so mitgeteilt. Und die Kollegen von den »Ruhrnachrichten« und der »Westfälischen Rundschau«, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch mit Innenverteidiger Michael Schulz über den Abstiegskampf gesprochen hatten, sie werden ähnlich unschön abgeprallt sein an der Aura dieses irgendwie unheimlichen Mannes aus dem portugiesischen Viseu.