Begegnung mit Marko Pantelic

Auf der Jagd nach dem Zeitfenster

Interviews mit Profifußballern kosten oft Nerven. Als Beispiel sei unser Gespräch mit Herthas Torjäger Marko Pantelic genannt, das die Redakteure Kirschneck und Jürgens für die neue 11FREUNDE- Ausgabe führten. Imago Kapitel 1: Die erste Hürde auf dem Weg zum glücklichen Interview ist die Anreise. Die in diesem Fall allerdings kein Problem darstellen dürfte, hat sich doch eine Berliner Redaktion mit einem Berliner Fußballer in Berlin verabredet. Aber der Fallstrick lauert oft im Detail, in diesem Fall: im Berliner Taxiwesen. Dass die Stadt sehr groß ist, setzt den Fahrern, zumal den nicht einheimischen, stark zu. In diesem Fall sollte es freilich komplikationslos ablaufen, denn die Geschäftsstelle des größten Hauptstadtvereins, noch dazu gleich neben dem Olympiastadion, also bitte… Erste Irritation stellt sich aber bereits ein, als wir den Chauffeur zur 500 Meter von der Redaktion entfernten Wohnung unserer Übersetzerin dirigieren wollen: „Einmal zur Steinstraße, bitte!“ „Steinstraße?“, fragt der Fahrer zurück. Ähnlich verhält es sich danach mit der Geschäftsstelle des größten Hauptstadtvereins. Wir nennen dem Fahrer die Adresse, er gibt sie lieber gleich in sein Navigationssystem ein, dem die Straße unbekannt ist. Verzweifelt ruft der Kutscher in seiner Zentrale an und fragt nach der Adresse von „Hertha BSE“. Die ihm dort nach einigem Gelächter genannte Anschrift ist die gleiche wie vorher, nur hat die Hanns-Braun-Straße jetzt ein „n“ mehr. Immerhin sind wir noch pünktlich bei Hertha BSE angekommen.

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Kapitel 2: Pünktlich zu kommen ist nämlich wichtig. Unterhält man sich mit Profifußballern, ist das Zeitfenster in der Regel ein kleines. Im Falle Pantelic haben der Kollege Jürgens und Herthas Pressesprecher Hans-Georg Felder im Vorfeld lang und breit um fünf Minuten mehr oder weniger gerungen. Da gilt es keine Zeit zu verplempern.

Kapitel 3:
Bitte den vorigen Abschnitt komplett streichen, ist ja doch alles Makulatur. Wir sind zwar pünktlich, dafür aber Marko Pantelic nicht. So sitzen wir im Eingangsbereich der Geschäftsstelle und sehen zu, wie sich das zäh ausgehandelte Zeitfenster immer mehr schließt. Als der innerredaktionelle Smalltalk verstummt, vertreiben wir uns die Zeit, in dem wir vor die Tür treten und rauchen. Dann gehen wir pinkeln. Dann rauchen wir wieder. Dann gehen wir pinkeln. Dann kommt Marko Pantelic.

Kapitel 4: Pantelic sagt, es sei spät. Wir sagen, das sei nicht unsere Schuld. Seine auch nicht, sagt Pantelic. Wieso nicht, fragen wir. Termin bei der Physiotherapie, sagt Pantelic, Rückenprobleme. Totschlagargument, kann man nichts machen. Denn wer will verantworten, dass er sich am nächsten Samstag mitten im Spiel an den Rücken greift, umfällt und für immer gelähmt ist. Wir könnten das Zeitfenster ja vielleicht ein wenig nach hinten ausdehnen, sagen wir. Nein, sagt Pantelic. Wieso nicht, fragen wir. Nachher ist Training, sagt Pantelic. Ach so, sagen wir.

Kapitel 5:
Wir versuchen, das Interview auf Deutsch zu führen. Das ist, so stellt sich heraus, zu optimistisch gedacht. Aber wozu haben wir eine serbische Übersetzerin dabei! Wir stellen also Fragen auf Deutsch. Die Übersetzerin übersetzt. Pantelic antwortet lang. Die Übersetzerin übersetzt kurz. Was hat er sonst noch gesagt, fragen wir. Nichts, sagt die Übersetzerin. Nichts???, fragen wir. Nichts Wesentliches, sagt die Übersetzerin. Das Übersetzen frisst Zeit, das Zeitfenster wird kleiner. Wir wechseln ins Englische. Funktioniert überraschend gut.

Kapitel 6: Das Schlimmste bei einem Interview ist ja immer die so genannte Autorisierung des Gesagten, meist durch den Pressesprecher des Klubs. Da wird dann um jede Formulierung, jedes Komma gefeilscht. Und die interessantesten Antworten werden in der Regel gestrichen. Der Kollege Jürgens und ich habe also kein gutes Gefühl, als die Mail des Hertha-Pressechefs eintrifft. Hans-Georg Felders Mitteilung ist kurz, er schreibt: „Das Interview ist okay.“ Jürgens und ich sehen uns fassungslos an, es ist, als hätten wir eine religiöse Erscheinung gehabt. Am nächsten Tag hängen wir ein Hansi-Felder-Bild in unser Büro.

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Das Interview mit Marko Pantelic findet Ihr in der neuen 11FREUNDE-Ausgabe.