Begegnung mit Lasogga

»Mensch, du bist ja viel netter als im Fernsehen!«

Nun ist es nichts Außergewöhnliches, dass Eltern ihre Kinder beraten, auch im Profifußball nicht. Ilkay Gündogan etwa lässt seinen Vater Irfan seine Konditionen aushandeln. »Wer auf Mama hört, macht keine Fehler«, sagt Lasogga. Mal abgesehen von dem Ödipus-Foto vielleicht, möchte man einwenden. Er aber kann die Leute, die sich daran stoßen, nicht verstehen: »Ich erkenne keinen Unterschied zu einem Foto, das irgendein anderer von sich und seiner Mutter am Strand machen lässt und dann bei Facebook postet.« Und wer ihn ein Muttersöhnchen nenne, das nur zu der Frage, »der sollte sich lieber mal Gedanken machen, was in seiner Familie so alles schief gelaufen ist«. Er sei nun mal ein Kind des Ruhrgebiets, und dort werde »die Liebe nicht nur gespielt, sondern gelebt. Sie kommt von Herzen, das ist extrem. Nichts und niemand wird sich je zwischen uns drängen«. Einen Beratervertrag hat er nicht mit seiner Mutter, das gehöre sich nicht, sagt er. »Das Geld, das ich verdiene, teile ich sowieso mit der ganzen Familie.«

»Ich kämpfe dafür, dass meine Mutter stolz auf mich ist.«

Seit einiger Zeit ermitteln Sportpsychologen im Auftrag der Vereine die zentralen Lebensmotive ihrer Spieler: Was treibt sie an? Manche streben nach Ruhm, manche nach Reichtum oder Erfolg bei den Frauen. Pierre-Michel Lasogga sagt: »Ich kämpfe dafür, dass meine Mutter stolz auf mich ist.« Dass einer im Millionengeschäft Fußball, in dem Gefühle Emotionen heißen und auf Knopfdruck zu haben sind, sich für seine Mama reinhängt und das auch noch unumwunden zugibt, mag den einen oder anderen, dem solitäre Helden lieber sind, peinlich berühren. HSV-Trainer Bruno Labbadia indes, als Kind italienischer Gastarbeiter durchaus vertraut mit lebenslanger Mutterliebe, sagt: »Pierre-Michel braucht ein absolut intaktes Umfeld, um seine besten Leistungen abzurufen. Da geht es ihm genauso wie mir früher.«

Und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihm und Lasogga: Sie sind beide Stürmer aus Leidenschaft. Oft sieht man Labbadia an der Seitenlinie, wie er versucht, einen Kopfball mit ins Tor zu drücken, und wie er mitleidet, wenn das nicht gelingt. »Der Trainer weiß, wie es ist«, sagt Lasogga. »Ich bin froh, dass wir ihn haben.«

»Wer ist schon nett, wenn er vom Platz kommt und 1:2 verloren hat?

Man merkt ihm die Erleichterung darüber an, dass er es nach Joe Zinnbauer, dem hochambitionierten, aber ziemlich erfolgsarmen Theoretiker, jetzt mit einem Mann der Tat zu tun hat. Mit einem, der weiß, dass man auch mal mit dem Kopf durch die Wand gehen muss. »Ich fühle eine unglaubliche Wucht in seinem Spiel«, sagt Labbadia über Lasogga. »Wenn er die mit seinen Emotionen paart, ist er schwer aufzuhalten.« Mannschaftskollege Dennis Diekmeier wünscht sich sogar, »dass ihm die Pferde manchmal durchgehen. Man kann doch nicht ständig klagen, dass es keine echten Typen mehr gibt im Fußball, und es gleichzeitig verurteilen, wenn einer mal auf die Tonne haut«.

Von Zeit zu Zeit, erzählt Lasogga – er ist jetzt ein bisschen schlapp von 90 Minuten Interview, seine Stimme ist leiser, er stützt den Kopf auf die Hände –, treffe er Leute auf der Straße oder im Supermarkt, die nach einem kurzen Plausch zu ihm sagten: »Mensch, du bist ja viel netter als im Fernsehen!« Das freue ihn zwar, sagt er. Aber es wundere ihn auch ein bisschen: »Wer ist schon nett, wenn er vom Platz kommt und 1:2 verloren hat? Ich bin ehrgeizig, ich will gewinnen, und diese Einstellung braucht ein Profi auch.« Dann springt er plötzlich wieder auf und ruft: »Oder? Ist doch so!«

Ist so, ja. Und selbst wenn es nicht so wäre – Pierre-Michel Lasogga würde sein Ding trotzdem durchziehen. Mit dem Einverständnis seiner Mutter.