Begegnung mit Kevin De Bruyne

Der König von Niedersachsen

Kevin De Bruyne in Wolfsburg: Ein Mann zwischen Weltruhm und Provinz. Für unser Interview des Monats trafen wir ihn am Ufer des Mittellandkanals und fragten: Champions League in Sicht?

Patrick Desbrosses
Heft: #
161

An diesem Morgen im März, in den Allerwiesen vor der Geschäftsstelle des VfL Wolfsburg, begreift man, warum es in keiner Sprache der Welt den Ausdruck gibt, etwas oder jemand sei »so schön wie ein Industriegebiet«. 400 Meter weiter östlich endet die Straße in einem Wendehammer. Birken stehen irgendwie beleidigt in der Gegend herum. Mitteljunge Damen in Barbourjacken, die den Stil Bettina Wulffs, der einstigen First Lady Niedersachsens, perfekt kopieren können, selbst wenn sie blind in den Kleiderschrank greifen, führen ihre Golden Retriever spazieren. Und an der Schranke warten zwei warm angezogene Autogrammjäger darauf, dass Kevin De Bruyne zur Frühschicht erscheint. So auch wir, Fotograf und Redakteur von 11FREUNDE.

Weiß Didier Drogba, dass der VfL existiert?

Der Fragenkatalog liegt sicher im Schnellhefter. Es soll im Interview um die Spannung zwischen internationalem Spitzenfußball und provinzieller Alltäglichkeit gehen, der De Bruyne seit seinem Wechsel aus London ausgesetzt ist. Warum Meister werden in Wolfsburg, wenn es hier noch nicht mal einen Rathausbalkon gibt, auf dem man den Menschen die Schale präsentieren könnte? Weiß Didier Drogba, sein Mannschaftskollege beim FC Chelsea, dass der VfL überhaupt existiert? Und belohnt sich einer, der in der laufenden Saison satte 18 Torvorlagen gegeben hat, mit einer Shopping-Tour durch das »Al Bundy Schuh-Outlet« in der Wolfsburger Fußgängerzone?

Kevin de Bruyne wird auch die provokanteste Frage beantworten. Mit leiser Selbstsicherheit, bestimmt, doch ohne Trotz. Wie ein NASA-Astronaut, der zur Vorbereitung auf eine Marsmission drei Jahre in der Wüste Nevada lebt, ohne jegliche Ablenkung, nur sein tägliches Pensum vor Augen, aber in dem festen Vertrauen darauf: Eines Tages wird er abheben.

Wie aber fotografiert man einen, der in den Allerwiesen von fernen Planeten träumt?