Begegnung mit Jupp Heynckes

Kein Mann für Sentimentalitäten

Für das 11FREUNDE SPEZIAL »Königsklasse« trafen wir Jupp Heynckes, der in vier Finals des Landesmeisterpokals stand – und zwei gewann. Zu Besuch am Niederrhein.

Thomas Rabsch
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Spezial 07

Ein regnerischer Tag in der Peripherie von Mönchengladbach. Auf der Verkehrsinsel steht eine kleine Kapelle. Das chinesische Restaurant an der Ecke scheint seit Jahrzehnten geschlossen zu sein. Der Triple-Coach lebt hier in einer 150-Seelen-Gemeinde irgendwo im Nirgendwo zwischen den Feldern. Jeder im Dorf weiß, wer dort jenseits des gusseisernen Tores in dem weitläufigen Anwesen wohnt. Als Heynckes die siegreiche Bayern-Elf im Juni 2013 zu sich einlud, soll Bastian Schweinsteiger beim Betreten des Hauses gesagt haben: »Trainer, Sie leben ja wie ein Filmstar in Hollywood«.
 
Damals hatte Sternekoch Alfons Schuhbeck im Garten ein riesiges Zelt aufgebaut, wo er seine kulinarischen Köstlichkeiten für die frischgebackenen Champions-League-Sieger auftischte. Einen Tag zuvor, erzählt Jupp Heynckes, waren die Gladbacher Fohlen bei ihm gewesen. Zwei Tage, zwei Generationen großer deutscher Fußballgeschichte. Erst Günter Netzer, Rainer Bonhof und Hacki Wimmer, kurz darauf Toni Kroos, Thomas Müller und Franck Ribéry schlenderten also durch den riesigen Garten mit dem pittoresken Teich, plauderten auf den urigen Holzbänken und tranken Bier.
 
»Keine Angst, der will nur spielen«
 
Von diesem Trubel ist nichts zu spüren, als wir in den Hof fahren. Es ist ein kühler Wintermontag im Februar 2015. Die Wolken hängen tief über dem Niederrhein. Nur Cando, der gutgelaunte Schäferhund, sorgt bei unserer Ankunft für ein wenig Stimmung, als er aus dem verglasten Anbau des schicken Landhauses bellend auf das Auto zugelaufen kommt. Es ist bekannt, dass der Vierbeiner seit vielen Jahren ein enger Freund von Heynckes ist. Der emeritierte Coach folgt dem Hund in Jeans und graukariertem Hemd und ruft zu: »Keine Angst, der will nur spielen.«
 
Schnell ist klar, nicht nur der Fußball-Lehrer, auch sein Vierbeiner sind sympathische Zeitgenossen. Im Büro des Trainers sitzt der Besucher in geschmackvollen Ledersesseln. Terracottafliesen sorgen trotz der Kälte draußen für ein angenehm warmes Wohngefühl. Ein Apple-Rechner steht auf der penibel aufgeräumten Glasplatte des Schreibtisches. An der Wand ein schmaler Holzschrank mit Glasfenstern, hinter denen neben dem Goldenen Schuh, den Miniaturen der großen Pokale, die er gewonnen hat, auch die 11FREUNDE-Auszeichnung zum »Trainer des Jahres 2013« zu erkennen ist.
 
Die Torjägerkanone hat einen Ehrenplatz hinterm Schreibtisch, wohl auch deshalb, weil das unförmige Teil ein bisschen zu kantig für den Schrein gewesen wäre. Im Rücken von Heynckes steht die Bayern-Chronik, ein Buch so groß wie ein Kaffeetisch im edlen Holzeinband und mit aufgesetzter Goldschrift: »Danke Jupp«. Die Medaillen für die Champions League Siege 1998 und 2013 hängen wie entknotete Krawatten lässig am Schlüssel eines Eichenschranks. »Hat meine Frau dahin gehängt,« sagt der Meister. Das Haus wirkt nicht wie das Heim eines Profisportlers, eher wie das Domizil eines Literaten, eines Denkers. Wie es sich hier nachts wohl anfühlt, wenn der Nebel über die Felder kriecht und das Anwesen wie Zuckerwatte in die Kulisse für einen Edgar-Wallace-Film karamellisiert?
 
Erinnerungen an das Finale von 1977
 
Es gibt nur wenige, die über den Europapokal der Landesmeister mehr zu erzählen hätten. Jupp Heynckes hat das Finale 1977 in Rom gegen den FC Liverpool erlebt, als die Fohlen in ihrem Zenit standen. Bis heute denkt er mit Grausen daran, wie sorglos die Elf damals vier Tage zuvor den Gewinn des Meistertitels feierte und noch praktisch noch siegestrunken in die italienische Hauptstadt reiste: »Sie können sich vorstellen, wie unsere Vorbereitung auf das große Finale ausfiel.« Als er mit Real Madrid zwei Jahrzehnte später, 1998, erst als Trainer den ersehnten Pokal in den Nachthimmel von Amsterdam stemmen konnte – und die Königlichen das ersehnte »La Septima« gewonnen hatten –, war sein Abschied bereits ausgemachte Sache. Zu unkomfortabel empfand er seine Rolle im Spannungsfeld zwischen dem zerstrittenen Präsidium und dem elitären Kader beim Weltklub.