Beckhams erstes Jahr in den USA

Die Flitterwochen sind vorbei

Im ersten Jahr nach seinem Wechsel von Real Madrid zu Los Angeles Galaxy hat David Beckham nichts bewirkt. Nur noch eine Handvoll Reporter beim Training, das Zuschauer-Interesse hat gewaltig nachgelassen. Beckhams erstes Jahr in den USAImago Kürzlich turnten sie mal wieder über einen roten Teppich, die Beckhams. David trug Drei-Tage-Bart, Drei-Tage-Haar und einen feschen, schwarzen Anzug, seine Gattin Victoria ein schmales, cremefarbenes Kleidchen und eine dunkle, untertassengroße Sonnenbrille, mit der sie daher kam wie einst die Stubenfliege Puck bei »Biene Maja«. Wäre es an diesem Abend in Los Angeles darum gegangen, das Insekt des Jahres zu küren: Mrs. Beckham hätte gewonnen. Doch es wurden die »ESPY Awards« verliehen, Preise für Sportler, und Mr. Beckham sollte als bester Spieler der »Major League Soccer« ausgezeichnet werden, der nordamerikanischen Fußball-Bundesliga.

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Er grinste telegen und sagte, er sei länger nicht mehr über einen roten Teppich gelaufen, »aber hin und wieder mag ich das ganz gern«. Ach, diese drollige Fistelstimme! Wo war sie nur die ganze Zeit?

Der Moderator der Veranstaltung, Popstar Justin Timberlake, kniete dann vor David Beckham nieder, nahm dessen rechten Fuß in die Hand, schnüffelte daran und sagte: »Riecht nach 25 Millionen Dollar«. Victoria Beckham lachte sich kaputt; vielleicht dachte sie: Da hast du aber eine Null vergessen, Herzchen! Denn der Vertrag, den ihr Ehemann 2007 bei »Los Angeles Galaxy« unterschrieben hat, beläuft sich auf 250 Millionen Dollar für fünf Jahre.

»Beckham buzz« geschrumpft


Eines davon ist nun um, aber es scheint, als sei der »Beckham buzz«, die Begeisterung über den englischen Star, geschrumpft wie die Kleidergröße seiner Frau, die ja einst ein halbwegs propperes Spice Girl war.

David Beckham ist es nicht gelungen, L.A. Galaxy in seiner ersten Saison in die Play-Offs zu führen. Er war damals lange verletzt, jetzt ist er gesund, doch der Tabellenführer heißt Real Salt Lake. Sechs mal hat Galaxy gewonnen und siebenmal verloren, was ein bisschen zu grau ist für eine Firma, die als Trainer für Beckhams Gehilfen Ruud Gullit und als Ziel für Beckhams Flanken den Torjäger Landon Donovan verpflichtet hat. Los Angeles hat die meisten Zuschauer der Liga, 25 000 im Schnitt, doch der Kartenverkauf geht zurück. Vor einem Jahr kamen 66 000 Menschen ins Giants Stadion in New Jersey, als David Beckham dort mit L.A. antrat, vor einer Woche waren es 46 000.

Mächtig viel Bohei um Ankunft


Um Beckhams Ankunft in Amerika wurde im vergangenen Sommer noch mächtig viel Bohei gemacht: Ein Countdown auf der Website von L.A. Galaxy zählte die Sekunden herunter, die Paparazzi standen bereit, und Sunil Gulati, Boss der Soocer League, verkündete hoffnungsfroh: »Wenn es einen Spieler auf der Welt gibt, der dem Fußball in den USA zum Aufschwung verhelfen kann, dann ist es David Beckham.«

Doch wenn man sich heute fragt, was der denn in diese Richtung bewirkt hat, fällt die Bilanz halbeuphorisch aus: »Wenn der Ball nach vorne bewegt wurde, ist er dorthin nicht gezaubert worden in der Manier seiner Freistöße. Es war eher eine Reihe kleiner Dribblings«, schreibt die «New York Times«. Und die »Los Angeles Times« findet, es sei jetzt an der Zeit, Mister Beckham »ein paar unbequeme Fragen zu stellen«.

Wie jemand Real Madrid verlassen kann, um zu L.A. Galaxy zu gehen, ist schleierhaft für Menschen, die europäischen Fußball lieben, aber Beckham spricht bis heute artig von »einer großen Herausforderung«. Doch anders als vor einem Jahr, als Gott und die Medienwelt David Beckham sehen wollten, schauen heute höchstens drei Reporter beim Training vorbei; Fotografen lassen sich nur noch blicken, wenn sich die Beckhams mit Hollywood-Berühmtheiten wie Tom Cruise oder Katie Holmes treffen. Die »Los Angeles Times« schreibt lediglich an Spieltagen über Galaxy, »The Orange County Register«, zweitgrößte Zeitung der Region, hat die Berichterstattung eingestellt. Die Gründe sind ja ganz banal: L.A. Galaxy gewinnt einfach zu selten.

»Die Flitterwochen sind vorbei«, sagt nun Tom Payne, Assistant General Manager der Galaxy, »David war eine große Hilfe, aber die Türen zu öffnen, reicht nicht aus. Wir müssen noch hart arbeiten.«

Und was meint Mr. Beckham? Der sagt, er bedauere keine Sekunde, in die USA gegangen zu sein. »Ich bin glücklich hier. Ein Jahr ist vorbei, und wir haben uns ein bisschen voran bewegt. Das geht nicht auf die Schnelle. Es wird fünf bis zehn Jahre dauern, bis diese Liga auf einem höheren Niveau angekommen ist. Das Problem ist: Die Leute wollen natürlich sofort ein Ergebnis sehen.« Er sei schon zufrieden, wenn all die Kinder, die ihm nun zuschauen, eines Tages sagen würden: Wow, damals habe ich Galaxy spielen sehen!

Alles, was er in Amerika vermisse, räumt David Beckham immerhin ein, sei »ein guter, alter englischer Pub, in dem ich sonntags Fußball gucke«. Guten, alten, europäischen Fußball.