Barcas Bakero über den Beginn einer Ära

»Das wichtigste Tor unserer Geschichte«

Vielleicht wäre der FC Barcelona nicht da, wo er heute ist, wenn José Maria Bakero nicht per Kopf gegen den 1. FC Kaiserslautern getroffen hätte. Hier erinnert er sich.

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Spezial 07

Kaiserslautern. Allein dieses Wort. Sehr lang, sehr sperrig. Ein Wort wie eine unüberwindbare Hürde. Mit dem FC Barcelona wären wir daran fast gescheitert. Doch dann passierte etwas Wunderbares, ich erinnere mich genau: ein Freistoß für uns, ganz zentral, genau zwischen Mittellinie und Strafraum. Ronald Koe-man, unser Mann für die Standards, schlug den Ball hoch auf den zweiten Pfosten. Ich war im Strafraum. Wir alle waren im Strafraum. Was blieb uns auch anderes übrig? Wir brauchten ja ein Tor, und es lief bereits die letzte Minute. Die Kaiserslauterer führten 3:0, unseren 2:0-Sieg aus dem Hinspiel hatten sie damit übertroffen. Wir wären die Versager gewesen, kläglich ausgeschieden in der zweiten Runde.

Aber der Ball kam, und ich stieg zwischen zwei Gegenspielern hoch. Sie waren nicht so richtig nah an mir dran, das hatte wohl mit meiner Größe zu tun. Ich messe gerade mal 1,70 Meter, da dachten sie wohl: »Den Zwerg können wir ruhig machen lassen.« Trotz meiner geringen Größe war ich aber ein passabler Kopfballspieler. Dabei kommt es in erster Linie auf das richtige Timing an. Und in dem Moment passte alles zusammen: Ich stieg hoch, der nasse Ball klatschte auf meine Stirn und senkte sich am langen Eck ins Netz. Als ich sah, dass er die Linie überquert hatte, rannte ich vor Freude los. Wenige Sekunden später hatten mich meine Mitspieler eingeholt und lagen schon auf mir, ein riesiges Knäuel aus Leibern. Kurz darauf pfiff der Schiedsrichter ab, wir hatten es tatsächlich geschafft.

Jetzt holen wir uns den Pokal!

In der Kabine aber lag ein seltsames Gefühl in der Luft. Es fühlte sich nicht so an, als hätten wir Kaiserslautern ausgeschaltet, sondern nur irgendwie überlebt. Erst als wir im Bus saßen, stieg ein Gedanke in mir auf: Ab jetzt kann uns nichts mehr passieren, dachte ich. Wer so ein Spiel übersteht, den kann nichts mehr umhauen. Jetzt holen wir uns den Pokal!



Und so kam es dann auch: Ein halbes Jahr später hielten wir in London nach einem 1:0 gegen Sampdoria Genua den Henkelpott in den Händen. Ein historischer Triumph, weil es der erste Europapokal der Landesmeister überhaupt für den FC Barcelona war. Auch dieses Spiel war ein hartes Stück Arbeit gewesen, wir mussten in die Verlängerung, ehe Ronald Koeman uns mit seinem Freistoßhammer erlöste. Aber gewonnen hatten wir den Cup eigentlich schon an diesem kalten, verregneten Novembertag in Kaiserslautern.

Viele Jahre später sagte mir ein befreundeter Journalist, mein Tor sei das wichtigste in der Geschichte des FC Barcelona gewesen. Das schmeichelt mir, auch wenn ich weiß, dass es so viele Tore von so vielen großen Spielern gab, die sicher nicht weniger wichtig sind. Was mein Freund meinte: Durch mein Tor in der Nachspielzeit veränderte sich die Geschichte des Klubs, ein Mentalitätswandel setzte ein. Aus dem ewigen Zweiten wurde ein Verein von Gewinnern.