Barca-Chelsea: Duell der Systeme

Linker Fußball, rechter Fußball

Cesar Luis Menotti sprach einst von linkem und rechtem Fußball. Während der eine schön sei, gewinne der andere Titel. Im Halbfinale der Champions League kommt es zwischen Barca und Chelsea zum Duell dieser Philosophien. Barca-Chelsea: Duell der SystemeImago FC Barcelona: Der linke Fußball

Hinter vorgehaltener Hand tuschelte Thierry Henry am Abend des 09. April seinem Landsmann Franck Ribéry ein paar Worte zu, grinste breit und nahm ihn in fest den Arm. Ribéry schaute bedröppelt hoch, schien den Tränen nah, antwortet kurz und schaute mit leerem Blick geradeaus. So eben hatte Henry mit dem FC Barcelona die Champions-League-Fantasien des FC Bayern zerlegt.

[ad]

Wie ein Monstertruck rollten die Katalanen über die Bayern, die sich gefühlt haben müssen wie kleine Kätzchen auf dem Baum – verängstigt. Der deutsche Rekordmeister wurde beim 4:0 nicht nur deklassiert, er wurde vorgeführt, phasenweise gedemütigt. Es schien, als wolle der FC Barcelona in der entscheidenden Phase des Saison noch einmal allen zeigen, zu was sie in der Lage sind. Und das ist einiges, und es ist wunderschön. Denn obwohl den Bayern das Spiel gegen Barcelona im Nachhinein so vorgekommen sein muss, als hätte sie jemand mitten in einen Hollywood-Action-Streifen geschubst, bei dem alle 30 Sekunden etwas explodiert, ist Barcelonas Art, Fußball zu spielen, so blumig wie ein französischer Schwarz-Weiß Film.

Keine andere europäische Spitzenmannschaft verfolgt eine so romantische wie konsequente Spielidee wie die Katalanen. Und im Zentrum dieser Idee steht der eigene Ballbesitz. Da jeder einzelne Spieler das runde Leder beherrscht wie ein Linguist seine Muttersprache ist die Mannschaft in der Lage, ihr perfektes Kurzpassspiel virtuos zu zelebrieren, und den Gegner dauerhaft in Bewegung zu halten. Dadurch erzeugen sie enormen Druck auf die Abwehrreihen, der zwangsläufig irgendwann zu Fehlern führt.

Xavi, das Barometer

Im Zentrum dieses Spektakels steht Xavi Hernandez – das Barometer des katalanischen Spiels. Sein Gespür dafür, wann der Druck erhöht werden und wann das Tempo herausgenommen werden muss, haucht der Spielidee der Katalanen das Leben ein. Zusammen mit Andrés Iniesta sorgt er dafür, dass Barca das Spielgeschehen kontrolliert. Und das tun sie – in beinahe jeder Situation. Die katalanische Zeitung »El Periódico« schrieb einst: »Mit dem Ball in den eigenen Reihen wird nicht nur angegriffen, sondern auch verteidigt.« Jeder Spieler ist immer in Bewegung und weiß dabei ganz genau, was er zu tun hat. Das macht es dem Gegner ungemein schwer, überhaupt so etwas wie das eigene Spiel aufzuziehen.

Van Bommel trat ins Leere

Doch im Gegensatz zum heutigen Gegner Chelsea London verkommt das Spiel der Blau-Roten nicht zu einem starren Gebilde. Über den Offensivaktionen von Messi, Eto´o und Henry schwebt Leichtigkeit und Lust am Spiel. Sie alle suchen stets das Spektakel. Sie schlagen Haken wie die Hasen auf der Flucht, dribbeln mit den Ball so eng am Fuß, als wäre jeder Grashalm hinter ihnen her. Das alles passiert in einer Geschwindigkeit, bei der so manche Blitzanlage kapitulieren würden. Selbst durch Fouls ist das Blau-Rote Ballballett kaum zu stoppen, denn manchmal scheitert man sogar daran: »Wenn man gegen Barcelona spielt, dann kommt man einfach nicht an den Mann ran. Ich wollte treten, Zé Roberto auch. Da kommt man einfach nicht ran. Da kann man machen, was man will«, gestand Bayerns Aggressiv Leader Mark van Bommel nach der Demütigung vom 09. April ein.

An guten Tagen ist Barcelona nicht zu stoppen, denn sie berauschen sich an der Schönheit ihres eigenen Spiels und treiben sich immer weiter nach vorne. Sie geben auch nach einer 3:0 Führung nicht auf. Das Ergebnis: 140 Tore in 50 Spielen. Keine andere europäische Spitzenmannschaft schoss mehr. Joan Laporta, Präsident des FC Barcelona, brachte einmal die volle Wirkung des katalanischen Vorzeigfußballs auf den Punkt: »Ein Barça-Spiel ist in diesen Krisenzeiten das stärkste Antidepressivum, das es gibt.«

Am Abend des 09. April hatte dieses Antidepressivum bei Franck Ribéry allerdings eher eine gegenteilige Wirkung. Der Rest der Fußballwelt kann es kaum erwarten,  so lange davon zu kosten, wie es nur eben möglich ist.

FC Chelsea: Der rechte Fußball

Es ist endlich soweit – das Spektakel wird auf die Probe gestellt. Keine Frage, natürlich pflügte der FC Barcelona durch die diesjährige Champions League und suggerierte einen nahezu perfekten Fußball. Aber viel zu kurz kommt bei diese Betrachtungsweise die niemals veralternde Weisheit von der Klasse, die der Gegner zulässt. 

Barcas bisherigen Weg durch die Champions League kreuzten bislang keine Gegner, sondern Opfer. Die Vorrundengruppe war ein Spaziergang, Achtelfinal-Kontrahent Lyon befindet sich weit jenseits seines Zenits, und den FC Bayern dieser Saison haben auch andere schon Teams vorgeführt.

Es steht nicht zur Diskussion, dass Barcas Spiel gegenwärtig den attraktivsten, den spektakulärsten, ja, den berauschendsten Fußball darstellt, den die Welt zu bieten hat. Die Frage ist vielmehr, ob dieser Hochgeschwindigkeitsfußball, mit dem sich desolate Teams an die Wand spielen lassen, auch gegen dynamische, ergebnisorientierte Fußballroboter funktioniert.

Rechter Fußball verschreibt sich dem Erfolg

Fußballroboter, wie sie der FC Chelsea beschäftigt, Männer wie Lampard, Essien oder Ballack, die Rationalität über Begeisterung stellen und die nötigen Tore auf Knopfdruck erzielen können. Treffen der FC Barcelona und der FC Chelsea aufeinander, kommt es zu einem Duell zwischen Eleganz und Kraft, Spielfreude und Pragmatismus, es greift hier die These des argentinischen Traineridols Cesar Luis Menotti, der einst von »linkem« und »rechtem« Fußball sprach. »Linker« Fußball verschreibt sich laut Menotti dem Amüsement der Zuschauer, »rechter« hingegen dem Erfolg.

Das anstehender Halbfinale wird Barcas Ernstfall, die Potenz ihres offensiven Feuerwerks nachzuweisen. Die fehlende Klasse der bisherigen Gegner, die Ehrfurcht vor Messi & Co., der fehlende Glaube der Kontrahenten, tatsächlich etwas reißen zu können, wirkte aphrodisierend auf das Spiel der Blau-Roten. Diesen Gefallen werden ihnen die Londoner nicht tun. Für sie geht es darum, eine bislang mäßige Saison im Endspurt doch noch krönen zu können und endlich aus dem Schatten Jose Mourinhos herauszutreten. Seit der erfolgsgarantierende Portugiese gehen musste, trat Chelsea auf der Stelle und den Verein prägte die typische Agonie, die das plötzliche Ende einer glücklichen Beziehung so oft mit sich bringt. Erst Guus Hiddink, mittlerweile so etwas wie der König Midas des Fußballs, konnte diese Starre durchbrechen. Vor einigen Monaten, zu Zeiten des überfordert wirkenden Felipe Scolari, wäre Chelsea für die Tormaschine aus Spanien wahrscheinlich noch ein gefundenes Fressen gewesen.Träge, zäh und ziellos präsentierten sich die Engländer damals.

Inzwischen jedoch scheint Hiddink die richtige Schmiere für die kraftmeiernde Maschine Chelsea wiedergefunden zu haben. Für eine Maschine, an der sich Barca die Zähne ausbeißen wird.