Babelsberg-Präsident verfasst offenen Brief an Reinhard Grindel

»Ich sehe den DFB in der Verantwortung«

Im Verfahren gegen den SV Babelsberg scheint der NOFV kein Erbarmen zu kennen. SV-Präsident Archibald Horlitz hat sich nun in einem offenen Brief an den DFB gewandt.

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Babelsberg 03 gegen Energie Cottbus - ein Derby mit einem langen Nachspiel. Denn weil es zu Ausschreitungen abseits des Platzes kam, wurden beide Vereine verurteilt. Ein Skandal, meinen viele, die sich die Erklärung des Sportgerichts des Nordostdeutschen-Fußballverbandes durchgelesen haben. Dort wurde zwar von dem Ruf »Nazischweine raus!« gesprochen, dass zuvor Nazi-Parolen aus dem Cottbuser Block schallten und Hitlergrüße gezeigt wurden, wurde aber verschwiegen. >>> Wir berichteten.

Und es ging noch weiter: während das Urteil gegen Energie Cottbus in Revision ging und anschließend massiv abgemildert wurde, lehnte das NOFV-Verbandsgericht den Babelsberger Antrag aus formalen Gründen ab. >>> Wir berichteten ebenfalls.

Babelsbergs Präsident Archibald Horwitz hat sich deshalb jetzt in einem offenen Brief an den DFB gewandt. Er droht, notfalls vor ein ordentliches Gericht zu ziehen. Wörtlich heißt es:

Sehr geehrter Herr Grindel,

ich wende mich in Form eines offenen Briefs sowohl an Sie als Präsident, als auch an den DFB als den obersten Verband des deutschen Fußballs.

Es geht um das erstinstanzliche »Skandalurteil« des NOFV gegen unseren Verein SV Babelsberg 03. Hier wurde von der Sportsgerichtsbarkeit des NOFV ein Urteil gefällt, das sämtlichen Prinzipien des DFB widerspricht. Der DFB propagiert eine eindeutige Haltung zum Thema Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Diskriminierung. Diese sind auch für die Landesverbände bindend. Unter offensichtlicher Ausblendung des strafrechtlich relevanten Verhaltens von Cottbusser Fans, wie mehrfaches Zeigen des »Hitlergrußes« und Schmähgesängen, wie »Arbeit macht frei, Babelsberg 03« wurde in der Urteilsbegründung, wie folgt ausgeführt: Etwa ab der 15. Spielminute rief eine Person mit rotem Punkerhaarschnitt aus dem Babelsberger Fanblock in Richtung des Cottbusser Fanblockes: »Nazischweine raus«.

Diese Reaktion auf das massive Auftreten jener Cottbusser Anhänger in die Urteilsbegründung zu nehmen, ohne hingegen mit einem Wort die zuvor erfolgten Provokationen zu erwähnen, ist für uns nicht hinnehmbar. Die weiteren Vorfälle, wie der Platzsturm durch Cottbus-Anhänger, Einsatz von Pyro, auch auf Seiten der Babelsberger Fans, werden von uns als Teil des Urteils anerkannt und nicht bestritten.

Wir haben Einspruch gegen dieses Urteil eingelegt. Bis heute wird uns unter fadenscheinigen, formalen Gesichtspunkten die Revision vor der nächsten Instanz verweigert. Ich will hier bewusst keine juristische Diskussion über die Ablehnungsgründe führen. Dies können Sie, sehr geehrter Herr Grindel, als Jurist sicher besser beurteilen. Es geht uns hier um die gesellschaftspolitische Verantwortung des größten deutschen Sportvereins mit sieben Millionen Mitgliedern.

Wenn sich Ligakonkurrenten, wie die BSG Chemie Leipzig, der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam, der Parteichef der Linken, das Jüdische Forum, der FC St. Pauli und viele mehr offen auf unsere Seite stellen und wenn unser Aufruf auf Facebook binnen zwei Tagen mehr als 200.000 Aufrufe verzeichnet, dann sollte die Dimension der involvierten Öffentlichkeit und deren klare Sicht mehr als deutlich sein.

Und hier stellt sich nun die Frage, ob diese Angelegenheit innerhalb des Sportverbands geklärt werden kann, was wir bevorzugen würden, oder ob dies vor einem ordentlichen Gericht erfolgen muss. Das Präsidium des NOFV hatte diese Woche die Chance, durch eine Eingabe von uns hier tätig zu werden und für eine transparente Aufarbeitung zu sorgen. Auf der Tagung am 21.9. wurde unser Fall besprochen. Ein Ergebnis kennen wir aktuell leider noch nicht, da uns die Stellungnahme erst im Lauf der nächsten Woche zugeleitet werden soll. Aber es ist bereits bekannt geworden, dass sich hier nichts bewegen wird und uns weiterhin verweigert werden soll, in einer Revision bzw. Wiederaufnahme dieses »Skandalurteil« zu korrigieren.

Daher bitte ich Sie hier um Unterstützung und würde mich freuen, kurzfristig von Ihnen zu hören.

Sehr geehrter Herr Grindel, ich wende mich ganz bewusst an Sie, da ich in unserem Fall auch den DFB in der Verantwortung sehe, für seine propagierten Werte einzustehen und all jene zu unterstützen, die diese Werte und Haltungen in Fußballstadien verteidigen. Gern stehe ich für Rückfragen und ein klärendes Gespräch zur Verfügung.

Mit sportlichen Grüßen
Archibald Horlitz
Vorstandsvorsitzender SV Babelsberg 03

Bisher hat Reinhard Grindel auf den Brief noch nicht reagiert. Ob und wie er es tun wird, dürfte gerade vor dem Hintergrund, dass der DFB nach den Vorkommnissen während des Länderspiels in Tschechien erklärte, niemals faschistische, rassistische, beleidigende und homophobe Schlachtrufe oder Gewalt zu dulden, interessant sein.