Auszug aus unserer neuen Titelgeschichte

Never mind Hertha, here's TeBe!

Warum unterstützt jemand einen Sechst- oder Siebtligaverein, wenn der große Bundesligist gleich um die Ecke spielt? In unserer neuen Ausgabe haben wir neun Fans von Amateurklubs durch Deutschland begleitet. Auch TeBe-Berlin-Anhänger Denis Roters.

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Ein Freitagabend Ende August, Mommsenstadion, tiefster Hauptstadtwesten. In den siebziger Jahren konnte man hier Bundesligafußball sehen, manchmal strömten über 20.000 Fans ins Stadion. Heute, gegen Empor Berlin, sind 415 gekommen. Dabei hat Tennis-Borussia Berlin die vermutlich größte und bunteste Anhängerschar in der Berlin Liga. Es gibt einen kleinen Fanblock am Fuße eines Flutlichtmastes, dort haben sie Banner an die Zäune gehängt, mit denen sie sich gegen Rassismus oder Homophobie positionieren, sie verkaufen hier Fanzines, Shirts, Pins, sie singen laut und schimpfen noch lauter, im Vergleich zu Spielen in Hermsdorf oder Gatow ist hier richtig was los.

Einer der bekanntesten TeBe-Unentwegten ist Denis Roters, 38, ein gemütlicher Mann mit etwas Bauch und jugendlichen Gesichtszügen. Er sagt Sätze wie: »Ich will unabhängig bleiben.« Oder: »Immer der Mehrheit folgen, das ist doch viel zu einfach.« Er liebe das Unperfekte, sagt er. Etwas, das Zeit brauche, das seine Schönheit für die Mehrheit verborgen hält. Er zeigt auf seinen Lieblingsort im Mommsenstadion, eine steinerne Wendeltreppe, die zur Haupttribüne führt. Er erzählt von Ticketverkäufern, die sich nach getaner Arbeit noch hinter den Grill stellen, von Spielern, die Bälle selber aus den Bäumen angeln müssen, von TeBe-Stürmer Michael Fuß, der nun, nach einem hart erkämpften 1:0 gegen Empor, auf einer Bierbank vor dem Klubheim sitzt und mit den Fans ein paar Weizen trinkt. »Wo hast du das in den Multiplexarenen?«

Großer Zirkus bei TeBe

Seit 1992 geht Roters zu TeBe. In 22 Jahren hat er mehr Abstiege als Aufstiege erlebt, er sah Sponsoren kommen und gehen, windige Geschäftsleute, die den Europapokal ins Mommsenstadion holen wollten, er sah Spieler wie Sergej Kirjakow, Trainer wie Winnie Schäfer, Sportdirektoren wie Werner Lorant. Hier war nicht nur immer richtig was los, hier war auch oft großer Zirkus. Zweimal stand der Klub in den vergangenen Jahrzehnten kurz vor einer Insolvenz, und eigentlich ging es stetig bergab. Doch Roters blieb immer da, fuhr immer mit. Ende der Neunziger machte er sich sogar am Vorabend seiner Abiturprüfung auf den Weg zu einem Aufstiegsspiel nach Hannover. Die Partie ging in die Verlängerung, dann ins Elfmeterschießen. Erst drei Stunden vor der Prüfung fuhr der Fan-Bus wieder in Berlin ein, der total übermüdete Roters fiel durchs Abi und verwarf seinen Traum vom Informatikstudium. »Ach«, sagt er heute. »Ich war nur traurig, dass wir verloren haben.«

Roters Fankarriere fing einst ganz oben an. Mitte der Achtziger wurde er Fan von Blau-Weiß 90, dem damals erfolgreichsten Berliner Verein. Denn während Hertha BSC 1986 in die drittklassige Amateur-Oberliga abstieg, ging es für Blau-Weiß in die Bundesliga. Es wurde ein kurzes Abenteuer. Nach 21 sieglosen Spielen in Folge stieg der Klub wieder ab, und das Schlamassel begann. Der DFB entzog dem Verein 1992 die Lizenz und strich ihn aus dem Vereinsregister. Roters war über Nacht vereinslos geworden. Doch weil es ohne Fußball nicht ging, folgte er einfach seinem Blau-Weiß-Lieblingsspieler Stanislav Levý. Der Tscheche wechselte zur Saison 1992/93 zu TeBe, in den Charlottenburger Ortsteil Westend, gar nicht weit entfernt von Roters Zuhause.

Wir gegen den Rest

In jenen Jahren entdeckte der junge Fan sein Interesse an ungeschminkten Orten. An einer Berliner Subkultur, die rau und manchmal brachial war. Er hing in Punkkaschemmen ab, engagierte sich politisch, schrieb für Fanzines. Er fand Gefallen an einem im Punk verwurzelten Do-It-Yourself-Gedanken – selber machen, unterwegs sein, aktiv werden. Mit Freunden gründete er die Band »Drei Flaschen« und organisierte ohne die Hilfe einer dicken Plattenfirma Touren durch Brasilien, Neuseeland oder die USA. Auch dort sah er Fußballspiele, doch nirgendwo war es so schön wie bei TeBe, so familiär, nah und ein bisschen selbstironisch dazu. »Am Anfang fand ich es gut, dass der Klub nicht sonderlich sexy war. Viele haben uns gehasst oder ausgelacht. So was schweißt zusammen«, sagt er. Fan von einem Klub zu sein, der nicht im Konzert der Großen mitspielt – das war eben auch punk, rebellisch, nicht-massenkompatibel. Es war ein lautes: Wir gegen den Rest, auch wenn es manchmal richtig gefährlich war. Einmal flog aus einem gegnerischen Fanblock sogar eine Handgranate aufs Spielfeld.

Heute sorgt sich Roters vor jeder Saison, dass die wenigen Anhänger trotz der schlechten sportlichen Situation TeBe die Treue halten. Und er wundert sich, dass andere Fans immer noch zu Hertha oder Borussia Dortmund gehen. »Ich kann nicht verstehen, dass die Leute sich von Auto-Scooter-Musik und Sponsorenjingles die Stimmung bestimmen lassen. Warum sind nicht mehr Leute bei Berlin-Liga-Spielen? Oder in der Hamburger Oberliga? Das ist doch fantastisch!« Weil für die meisten Fußballfans Spannung erst ab dem Überlebenskampf in der Bundesliga beginnt? »Ein Amateurfan leidet nicht weniger. Für uns ist jede Saison existenziell.«