Auswärtsspiel: Stuttgart-Cottbus 2:1

Wir bleiben troy!

Für VfB-Fans mittleren Alters sind die Meisterschaften von 1984, 1992 und 2007 jeweils wie die Pointen eines Lebensabschnitts. So auch für unseren Autor Olaf Butterbrod: 1984 war er 13, 1992 21 – und 2007 „nunmehr steinalt“. Imago Der VfB Stuttgart hat an diesem Samstag gewonnen, das war schon vor dem Anpfiff allen klar. Und doch gab es auch Verlierer.

Zum Beispiel Winnie Schäfer. Der gescheiterte Ex-Trainer scharwenzelte vorm Spiel durch den Presseraum und grapschte sich zwischen den beiläufigen Gesprächen gierig ein Umsonst-Sandwich – belegt ausgerechnet mit Thunfisch und Ei. „Iiih, bitte nicht!“, zischte er leise (mochte es aber auch nicht zurücklegen, weil er merkte, dass er beobachtet wird) – und biss fortan bei seinen weltmännischen Einlassungen in das Brot wie in eine Zitrone.

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Oder das Zweit-Maskottchen des VfB, ein lieblos zusammengeschustertes Etwas, der depressive Gegenentwurf zum agilen Fritzle. Man muss sich diese Figur vorstellen: Unten zerschubberte Jeans, in der Mitte ein roter, verwaschener Schlabberpullover, oben drauf ein drolliger, wenngleich etwas groß geratener Teddykopf. Mal stemmte er die Arme gelangweilt in die Hüfte – um ihn herum im Gottlieb-Daimler-Stadion dröhnte die Musi, und ekstatische Menschen schlugen Purzelbäume vor lauter Lust aufs gleich beginnende Spiel. Oder er setzte sich bräsig auf die Werbebande, weil’s eben bequemer ist – während unsereins gleichzeitig schwitzt und friert in der frohen Gewissheit, dass in wenigen Minuten einer der kostbarsten Tage im Fanleben endlich, endlich angepfiffen wird.

Und dann hat an diesem Tag noch jemand verloren. Der Glaube an die ewige Unbeschwertheit.

Als Stuttgart 1984 Meister wurde, wurden mein Kumpel Karsten und ich (wir waren damals 14 und als bekennende VfB-Fans so etwas wie Exoten im ostwestfälischen Lemgo) von drei Oberstufenschülern „zur Strafe“ im Klassenzimmer unter den Wasserhahn gehalten. „Taufen“ nannten sie das. Im Winter stopften sie uns mit Schnee aus. Die drei waren stärker, und sie waren Bayern-Fans.

Gefühlsduselige und friedliche VfB-Fans


Als Stuttgart 1992 Meister wurde, sind Karsten und ich (beide 21) nach Leverkusen gejuckelt mit rein gar nichts im Gepäck, weder mit Bier noch der leisesten Hoffnung, an diesem 14. Mai etwas zu feiern zu haben. Wir siegten, taumelten glücksbeseelt in den Innenraum des Ulrich-Haberland-Stadions, buddelten einen Elfmeterpunkt aus (der später in der ostwestfälischen Heimaterde jämmerlich eingegangen ist) und beschlossen, dass dies der schönste Tag unseres ganzen Lebens zu sein habe.

Als Stuttgart 2007 Meister wurde, hätte es wieder so herrlich sensationell werden können. Ich erfuhr, dass Karsten im Stadion sei, machte seine Handynummer ausfindig, und mittags verabredeten wir uns siegessicher auf ein Meisterbier nach dem Spiel. Um 23 Uhr war’s so weit, das erste Wiedersehen seit zehn oder 15 Jahren. Um uns herum am Schlossplatz 100.000 berauschte, gefühlsduselige und friedliche VfB-Fans, von der Bühne dröhnten mitreißend die Fantastischen Vier. Karsten und ich – mit 36 Jahren nunmehr steinalt – quatschten über das Spiel, schwelgten in 1984 und 1992 und überbrückten die vielen beklemmenden Gesprächspausen mit drei Dinkelacker-Bier und ein wenig Leutegucken. Dann stahl sich Karsten um Mitternacht ins Hotel: „Bin müde.“

Als er ging, schallte von den Fanta4 herüber… WIR BLEIBEN TROY. Das, finde ich, ist doch ein guter Vorsatz für die nächste Meisterschaft 2016.

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