Austria Salzburg steht vor der Pleite

Dem Turbokapitalismus die Stirn bieten

1997 stieg der Sponsor Wüstenrot bei der Austria ein. Der sportliche Erfolg blieb allerdings aus, und auch finanziell konnte der Verein nicht gesunden. Dann trat die Salzburger Brausefirma auf den Plan. Doch schon bald stellte sich heraus, dass der Konzern Austria Salzburg nur benutzte. Mateschitz wollte das Problem umschiffen, mit einem neuen Klub in der untersten Liga anzufangen, so wie es die Statuten vorschrieben. Austria Salzburg war für Red Bull die Tür zum Profifußball.

»Dann sollen die Leute ihren eigenen Verein gründen«
 
Das Unternehmen änderte in jenem wilden Sommer von 2005 die Vereinsfarben und das Logo. Sie löschte sogar die komplette Klubhistorie. »Ich war wie paralysiert«, sagte Windischbauer. »Am Anfang dachte ich, die hätten sich mit den Trikotfarben vertan. Ich sagte zu meinem Sohn: Da ist denen ja ein peinlicher Produktionsfehler passiert.« Weil es aber kein Produktionsfehler war, gingen die Fans auf die Barrikaden. Der damalige Trainer Kurt Jara konterte: »Dann sollen die Leute doch ihren eigenen Verein gründen.«
 
Als die Gespräche zwischen Red Bull und der Initiative »Violett Weiß« für beendet erklärt wurden, saßen ein paar Fans im Salzburger Lokal »Hirschl & Adler«. Es ging um die Zukunft. Darum, ob man alles hinschmeißen oder sich einen neuen Verein suchen sollte. Mittlerweile war es Spätsommer geworden. Wenige Monate zuvor hatte sich der Fanverein FC United Of Manchester gegründet, nachdem Manchester United vom US-Investor Malcolm Glazer übernommen wurde. Moritz Grobovschek, ein Hardcore-Fan und Ultra, hatte sich zu dem Zeitpunkt bereits die Logo- und Namensrechte am SV Austria Salzburg gesichert.

Möglich war das, weil der Verein den Namen »Austria« zwar noch benutzte, ihn aber schon seit 1978 zugunsten von Sponsorentiteln nicht mehr offiziell führte. Plötzlich war alles klar, Jaras lapidarer Aufruf sollte Realität werden. Der SV Austria Salzburg gründete sich neu. Die Mannschaft musste ganz unten starten, in der siebten Liga, dort, wo auf manchen Dorfplätzen kaum mehr als 20 Zuschauer warten.
 
Der Idealist Grobovschek war allerdings auch einer, der wusste, wie der Marketing-Hase läuft. Er trat nach der Gründung eine riesige Medien- und Solidaritätslawine los. Der Zeitpunkt für sein Anliegen war ideal, schließlich stand die WM im Nachbarland vor der Tür. Bald zeigten Fans aus Deutschland, Italien und sogar den USA Flagge für die Austria. Auf der Homepage der Ultras Rapid Wien war zu lesen: »Trotz intensivster Rivalität mit der Salzburger Fanszene sehen wir uns dazu gezwungen, uns mit ihrem Anliegen solidarisch zu erklären.«

Werbung und Spielercastings
 
Der Selfmade-Geist gefiel auch ehemaligen Spielern wie Hans Krankl oder Herbert Prohaska, die sich positiv über die neue alte Austria äußerten. Flankiert wurde all das von zahlreichen Medienberichten. »Arte« organisierte eine Gesprächsrunde, in der Grobovschek mit Daniel Cohn-Bendit über die Kommerzialisierung des Fußballs diskutierte, und überregionale Zeitungen erzählten die Geschichte der Fans, die mit ihren Idealen auszogen, dem Turbokapitalismus im Fußball die Stirn zu bieten.
 
Tatsächlich gelang das anfangs richtig gut. Über private Kontakte konnte der ehemalige Profi Gustav Kofler als Trainer verpflichtet werden, er brachte gleich einen Stamm an Spielern mit. Parallel dazu veranstaltete die Austria Spielercastings.
 
Im Gegensatz zum Brauseklub kamen zu den Spielen der Austria schon in den frühen Jahren mehr als 1500 Fans, sie zündeten bengalische Feuer und studierten Choreografien ein. Grobovschek sagte in dem Zusammenhang gerne einen Satz, der auch aus dem Mund von Red-Bull-Managern stammen könnte. Er lautete: »Wir hatten seit jeher ein großes Humankapital, die Fans.«

Doch nur ein Verein wie viele andere?
 
Paradoxerweise arbeitete auch Grobovschek im Vertrieb einer Getränkefirma, und manchmal verwischten dabei die Grenzen. Doch eigentlich zerriss ihn über all die Jahre die Frage, ob sich ein Klub nicht doch irgendwann ökonomischen Zwängen beugen muss. Vor drei Jahren, als wir in Salzburg waren, zeigte er auf ein Schild: »Myphone Arena«. Der Sponsor prangte dick über dem Eingang. Die Austria war für Fans wie Grobovschek ein Verein wie viele andere geworden, und vielleicht kapitulierte er deswegen eines Tages.
 
Sportlich lief es auch danach gut. Schon 2014 stand die Austria, die zwischen 2006 und 2010 viermal in Folge aufgestiegen war, vor dem Schritt in die Zweite Liga. Erst in der Relegation scheiterte Salzburg an dem Floridsdorfer AC.