Aus aktuellem Anlass: Die 11FREUNDE-Reportage über RB Leipzig

Unverfrorene Funktionäre

Ein dramatischer Effekt wäre dem Showdown vor Gericht allerdings sicher. Erstens würde noch einmal gerichtsfest dokumentiert, wie unverfroren die Leipziger derzeit das Vereinsrecht dehnen und spreizen. Zweitens würde klar werden, dass die 50 + 1-Regel in ihrer derzeitigen Verfassung ein Höchstmaß an Rechtsunsicherheit birgt und allenfalls noch den Charakter eines Agreements unter Gentlemen trägt. Nur zur Erinnerung: Vor zwei Jahren hatte sich die Liga mit dem langjährigen Präsidenten von Hannover 96, Martin Kind, auf eine Aufweichung der Investorenbremse geeinigt, langjährige Partner dürfen demnächst die Mehrheit an deutschen Profiklubs übernehmen, so sie seit mindestens zwanzig Jahren als Sponsor den Verein unterstützen. Im Falle von Hannover 96 könnte Martin Kind, der seit 1997 als Sponsor aktiv ist, in drei Jahren problemlos die Mehrheit an der Lizenzspieler-KG erwerben.

Schleichende Übernahme der Klubs durch Investoren ist nicht aufzuhalten

Die im Herbst 2011 formulierte Regelung ist jedoch derart schwammig und ungenau gefasst, dass sich inzwischen eine Arbeitsgruppe gebildet hat, die bis Ende des Jahres belastbare Paragrafen formulieren wird. Wie hoch das Thema im Ligaverband aufgehängt ist, zeigt die prominente Besetzung des Gremiums. Neben den DFL-Geschäftsführern Rettig und Christian Seifert sind Karl Hopfner vom FC Bayern, Fürth-Präsident Helmut Hack und Stephan Schippers von Borussia Mönchengladbach dabei. Klar ist aber auch: Die schleichende Übernahme der Klubs durch Investoren und Konzerne werden auch die neuen Regelungen nicht aufhalten.

Derweil tragen die Bemühungen der Verantwortlichen bei RB Leipzig, die Öffentlichkeit vergessen zu lassen, welch knallharte Kalkulation hinter dem Projekt steht, erstaunliche Früchte. Der Unterstützung durch die Lokalpolitik und die ortsansässigen Medien konnte sich der Konzern ohnehin von Anfang an sicher sein. Manch ein Bericht der »Leipziger Volkszeitung« oder des MDR wäre dem RB-Pressesprecher nicht schmeichelnder aus der Feder geflossen. Kein Wunder also, dass Dietrich Mateschitz der »LVZ« auch prompt eines seiner seltenen Interviews gab, bei dem Redakteur Guido Schäfer feststellen durfte, dass die Fans den Klub immer besser annähmen, um dann buckelnd zu fragen: »Ist diese Resonanz eine Abstimmung mit den Füßen, die den Kritikern des Bundesliga-Projekts den Wind aus den Segeln nimmt?« Gerne stimmte Mateschitz dieser Einschätzung zu.

Beckenbauer unterstützt das Projekt RB

Daneben tummeln sich in den Reihen der Fußballprominenz zahlreiche Befürworter des Projekts. Franz Beckenbauer etwa, ein alter Duzkumpel von Mateschitz, rühmt sich gerne, den Standort Leipzig erst ins Gespräch gebracht zu haben. Nicht minder wortgewaltig, gleichwohl mit dünnen Argumenten trommelt seit Jahren Dampfplauderer Reiner Calmund für die Red-Bull-Filiale in Leipzig.

Wer sich in Talkshows und Interviews für das Projekt in die Bresche wirft, bemüht in der Regel drei wiederkehrende Argumente. Gerühmt wird gerne die segensreiche Wirkung des RB-Projekts für den Fußballstandort Leipzig, der Spitzenfußball doch so sehr verdient habe. Und wer sich einmal von Geschäftsführer Wolter das bis 2015 entstehende Leistungszentrum erklären lässt, dessen Skizzen in der Geschäftsstelle an der Wand hängen, kann in dem 30 Millionen Euro teuren Neubau ein überzeugendes Bekenntnis zum Standort Leipzig sehen. Auch ist es das gute Recht ortsansässiger Oberbürgermeister und Landräte im Leipziger Speckgürtel, diese Investitionen zu bejubeln. Aus dem Munde von Fußballfunktionären klingen die Lobeshymnen jedoch merkwürdig, suggerieren sie doch, es gäbe ein natürliches Recht ausgewählter Städte auf Profifußball und die Bundesliga sei letztlich ein verkapptes Konjunkturprogramm für strukturschwache Regionen. Ist dem so, erfahren demnächst sicher auch die Großstadt Essen, immerhin seit der Saison 1976/77 ohne Erstligisten und das bedauernswerte Bundesland Schleswig-Holstein, seit 1963 ohne Spitzenfußball, Aufmunterung und Unterstützung durch die Funktionäre.