Auf den WM-Baustellen in Katar

Undercover ohne Fallschirm

Eine neue Studie kritisiert die Bedingungen auf den WM-Baustellen in Katar, echte Fortschritte fehlen. Aber Gewerkschafter helfen heimlich den Arbeitern. Wir haben sie begleitet.

Imago

Dohas Wolkenkratzer leuchten in allen Farben. Nachts wirkt die Hafenstadt am Persischen Golf wie der Lieblingstummelplatz der globalen Architektengilde. In einem der schmuckloseren Bürotürme, die nicht mit bonbonfarbenen Strahlern beleuchtet werden, räumt zu nächtlicher Stunde ein Mann an seinem Schreibtisch.
Kein Namensschild ist bei ihm zu entdecken. Kein Firmenlogo weist auf ihn hin. Frank arbeitet für eine Institution, die in Katar gar nicht erlaubt ist.

Er ist Gewerkschafter. Frank ist nicht sein richtiger Name. Auch seine Nationalität muss aus Sicherheitsgründen geheim bleiben. »Ich bin hier im Untergrund tätig«, sagt der Abgesandte der Internationalen Bauarbeitergewerkschaft BWI schmunzelnd und lädt in das Büro ein, das er sich mit einer herkömmlichen Firma teilt. »Sie wissen, was ich mache, und sie helfen mir«, sagt er. Immerhin das ist möglich in Katar.

Die schändlichsten Zeugnisse

Frank sammelt seit einigen Monaten direkt auf den Baustellen und in den Unterkünften Beweise für Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte. Zugleich kümmert er sich um Verbesserungen vor Ort für Arbeiter. Echte Basisarbeit also für eine Fußball-Weltmeisterschaft 2022 unter humanen Bedingungen.

Das ist ein Novum. Bisher gingen Katars Kritiker nach dem Prinzip Fallschirmsprung vor: Eine Gruppe von Experten wird nach Katar eingeflogen, trifft sich mit Arbeitern, sammelt die schändlichsten Zeugnisse - was leider nicht schwer ist - und versucht über hochrangige Kontakte in den Ministerien, beim WM-Ausrichter, dem Supreme Committee, und auch beim Emir selbst Verbesserungen und Reformen anzustoßen.

Keine grundlegenden Reformen

Das Ergebnis dieser Arbeit ist jedoch enttäuschend. »Seit der Vergabe der WM im Jahre 2010 haben wir keine grundlegenden Reformen gesehen«, kritisiert Regina Spöttl, deutsche Expertin von Amnesty International für Katar, die jüngste, an diesem Donnerstag veröffentlichte Studie. Die Zahl der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen soll in den nächsten Jahren auf 70 000 Menschen steigen.

Sie seien einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, in einigen Fällen müsse man von Zwangsarbeit sprechen. »Es gab einzelne Verbesserungen. Aber es hapert an der Umsetzung. Papier ist geduldig. Es fehlt an realen Fortschritten«, bilanziert sie und fordert: » Die Fifa muss sofort den Druck auf die katarische Regierung erhöhen.« Der Weltverband verzichtet jedoch darauf, die Verhältnisse in dem Emirat zu kritisieren. »Wir bleiben überzeugt, dass die einzigartige Anziehungskraft und Sichtbarkeit der Weltmeisterschaft weltweit ein starker Katalysator für signifikante Veränderungen ist«, teilt die Fifa mit.

Effizientere Katalysatoren sind Undercover-Gewerkschafter wie Frank. Zwar darf er wegen des Verbots für Arbeitervertretungen in Katar keine echte Gewerkschaftsarbeit leisten. Aber er ermuntert Bauarbeiter, die auf Stadienbaustellen eingesetzt werden, sich gegen verspätete Lohnzahlungen und schlechte Unterkünfte zu wehren. Er klärt sie über ihre Rechte auf und betreut sie bei Beschwerden. 90 Prozent der Arbeiter kommen laut Amnesty aus südasiatischen Ländern wie Bangladesch, Indien und Nepal.