Auf Auswärtsfahrt mit Wolfsburg-Fans

„Lass man, die machen nix!“

Manchem mag es als seltsames Hobby erscheinen, Fan des VfL Wolfsburg zu sein. Im neuen 11FREUNDE-Heft versuchen wir, es zu verstehen - auf einer Auswärtsfahrt nach Bochum. Hier der Reisebericht. Auf Auswärtsfahrt mit Wolfsburg-FansDavid Binnewies
Heft #61 12 / 2006
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Martina ist ein Fan, aber auf Abenteuer hat sie keine Lust. Die Stullen sind geschmiert, das GPS geleitet ihren Golf durch Südniedersachsen und Ostwestfalen. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Gefährt herrscht nachdenkliche Bossa-Nova-Stimmung: Was wird der VfL-Wolfsburg an diesem Spieltag leisten können?

Schon um 11 Uhr ist Bochum in Sicht, viereinhalb Stunden vor dem Anpfiff. „Wann machen die das Stadion denn auf?“, fragt ihre Fan-Freundin Yvonne sorgenvoll. Die deprimierende Antwort: Um 14 Uhr und keine Minute früher.

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Zwei Männer mit Regenschirm

Das Ruhrstadion ist verwaist und bildet zusammen mit der Starlight-Express-Halle ein architektonisches Ensemble, das gar nicht mal so schön ist. Was tut man hier, um die Zeit rumzubringen? Während das kleine Wolfsburger Grüppchen sich auf eine Calzone in die Pizzeria „Mono“ an der Castroper Straße zurückzieht, schleicht die 11 Freunde-Gesandtschaft um das Stadion und hofft darauf, dass irgendwann irgendwo ein Jalousie aufgezogen wird. Der WM-Sommer, soviel ist zu spüren, ist an diesem späten Vormittag in Bochum endgültig vorbei.

Da endlich, gegen 13:30 Uhr, rührt sich was im Pressecontainer. Wir bekommen die Akkreditierungen ausgehändigt, die uns den Zutritt verschaffen und das Fotografieren erlauben soll. Am nächsten Container weiß man mit dem Wisch jedoch schon nichts mehr anzufangen. Ja, man erklärt uns sogar, dass es ihn in dieser Form gar nicht geben dürfe. Der Einlass wird uns vorerst verwehrt. „Wer kann uns helfen?“, fragen wir hilflos. Man deutet auf einen Mann mit rosafarbenem Regenschirm, der unbeteiligt dasteht. Ihm folgen wir gegen den Uhrzeigersinn um das Stadion, bis wir einen Mann mit grünem Regenschirm treffen, der ebenso unbeteiligt dasteht. Ihm folgen wir nun mit dem Uhrzeigersinn um das Stadion, bis wir wieder bei dem Container angelangt sind. Ein Wunder: Durch die Präsenz des Mannes mit dem grünen Regenschirm ist plötzlich der Eintritt in das Innere der Sportstätte möglich.

„Wo hamse’n die her?“

Wir sind wieder frohen Mutes, der Mann mit dem grünen Regenschirm entfernt sich. Das hätte er nicht tun dürfen: Im Nu sind wir von einer Phalanx von Sicherheitskräften umringt. Fünf von ihnen starren fassungslos auf unsere Akkreditierung. „Wo hamse’n die her?“, bellt einer. „Die haben wir uns gemalt“, sagt einer von uns. Sein Name soll ungenannt bleiben. 
Die Stimmung ist nicht so besonders gut in diesen Minuten. Die Sicherheitskräfte mögen uns nicht, auch wir könnten auf ihre Gesellschaft verzichten. Was mag wohl der Grund für ihr Misstrauen sein? Wir möchten fragen, sprechen, doch man hört uns nicht zu. „Ich hab’ gesagt, du sollst da stehen bleiben“, schreit ein anderer, als unser Fotograf sich bewegen möchte. Das alles könnte sich Kafka ausgedacht haben. Aber der ist ja schon tot.

Wer also steckt dahinter? Als endlich ein Offizieller des VfL Bochum auftaucht, kommt Licht ins Dunkel. Es sei, so erklärt er uns, von der DFL verboten worden, in Fanblocks Fotos mit einer professionellen Ausrüstung zu machen. Die Befürchtung: Wenn Hooligans zugegen seien, könnten sie sich durch die offensichtliche Medienaufmerksamkeit angestachelt fühlen, ihre zweifelhafte Stärke zu demonstrieren.

Eine im Prinzip richtige Überlegung. Das müssen wir auch in diesem Moment akzeptieren. Doch eben deshalb droht unser Vorhaben zu scheitern: Wie sollen wir berichten, wenn wir keine Fotos machen dürfen? Es ist ein Glück, dass sich nun Herr Erdmann hinzugesellt, ein sehr fröhlicher Mann. Er begleitet seit neun Jahren Wolfsburg-Fans auf Auswärtsfahrt. Herr Erdmann lauscht, dann lächelt er. „Lass man“, sagt er milde und klopft dem Offiziellen auf die Schulter. „Die Wolfsburger kenn ich. Die machen eh nix.“ Der Offizielle denkt einen Augenblick nach. Dann lächelt auch er – und winkt uns durch in Block E, den Gästeblock.


Die Reportage „Auswärts – Das letzte Abenteuer“, für die 11 Freunde-Redakteure sich auf die Reise nach Bochum, Nürnberg und Cottbus begaben, und vieles mehr www.11freunde.de/dasheft findet Ihr im neuen Heft – jetzt am Kiosk.

Die schönsten Fotos aus Block E1 seht Ihr in der Bildergalerie.