Aristide Bancé im Porträt

Büffel auf Gras

Aristide Bancé wandelt zwischen seiner Rolle als Sündenbock und Heilsbringer. Nach drei Toren in den letzten vier Spielen ist er nun in den Fokus englischer Vereine gelangt. Doch wer ist der Mann mit dem grellen Haupthaar überhaupt? Aristide Bancé im PorträtImago Manchmal kann sich ein Karriereverlauf schneller drehen als ein Joint in einer Studenten-WG. Eine falsche Bewegung reicht aus, um aus einem unbescholtenen Talent einen rüden Raufbold zu konstruieren. Oft reicht schon ein Schnappschuss. Klick. Senden. Ein paar große Buchstaben. Fertig ist die Geschichte.

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Als Mainz 05 im August 2009 noch vor dem ersten Spieltag seinen Trainer Jörn Andersen entlässt, liegen die Augen der Fußballwelt plötzlich auf der ansonsten beschaulichen Fastnacht-Hochburg am Main. Auf einmal stehen da, wo sonst 20 Kiebitze über Trainingsleistung, vergangene Zeiten und Bratwurst diskutieren, riesige Übertragungswagen und klappen ihre Antennen aus. Reporter lungern an den Trainingsplätzen herum, Stift und Diktiergerät im Anschlag. In Krisenzeiten zählen oft Millisekunden über Schlagzeile oder Rohrkrepierer.

Auf dem Parkplatz wird es handgreiflich

Der neue Trainer wird heute vorgestellt: Thomas Tuchel ist der Name des No-Names. Schnell tickern die wichtigsten Stichworte über den Äther: Jugendtrainer, Ulm, Rangnick, Klopp. Die Geschichte ist im Kasten. Abbauen. Die Karawane kann weiter ziehen.

Doch als sie alle ihre Diktiergeräte und Kameras verstauen, kommt es auf dem angrenzenden Parkplatz zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Schnell wird nachgeschaut. Ist der große Blondschopf nicht Aristide Bancé? Und wer ist die Frau? Was macht er da? Klatsch. Schnell die Kamera. Klick. Haben wir das? Senden.

Ein Schimpfwort in Offenbach

Am nächsten Tag stehen sie da, die großen Buchstaben: »Prügel-Profi Bancé schlägt Frau zusammen«. Nun hat er seinen Namen. Bancé soll eine ehemalige Freundin geschlagen haben, ganz aufgeklärt wird der Fall nie. Am Ende gibt es Geldstrafen, Teilgeständnisse und einen jungen Afrikaner mit einem Image, das an ihm haftet wie eine Tube Pattex. Die Medien schustern sich schnell ein Bild von Bancé zusammen. War da nicht mal was? Ja, da war was: In Offenbach schimpft man heute noch auf seinen Namen. Nach zwei roten Karten in einer Halbserie hatten sie dort schnell ihren Schuldigen für den Zweitliga-Abstieg gefunden. Das passt gut: Bancé, der disziplinlose Prügel-Profi.

Der Weg nach Europa

Dabei vergisst man oft, welchen Weg ein junger Profi aus Afrika gehen muss, um sich in Europa durchzusetzen. Bancé flüchtet als Kind aus seiner ivorischen Heimatstadt Abidjan ins Nachbarland Burkina Faso. In Abidjan hatte er zuletzt ohne Eltern gelebt, da diese bereits zuvor vor dem Bürgerkrieg geflüchtet waren. Ohne ihn. Nur der Fußball gibt ihm Halt.

In Burkina Faso spielt er beim Hauptstadtklub FC Ouagadougou, doch schnell werden erste europäische Scouts aufmerksam auf den kantigen Mittelstürmer. Bereits 2003 wird er vom belgischen Erstligisten SC Lokeren verpflichtet, schießt fast 30 Tore in 80 Spielen. Europa kann kommen. Auch aus der Bundesliga kommen Angebote: Borussia Mönchengladbach möchte Bancé. Trainer Jörn Andersen schwärmt in den höchsten Tönen vom Afrikaner. Doch der Transfer platzt. Bancé geht zu Metalurh Donezk.

Es ist nicht nachvollziehbar, wie sich ein junger Afrikaner fühlen muss, wenn er von heute auf morgen aus seiner Heimat flüchtet und sich ein Jahr später im nasskalten Belgien wieder findet, dann weiter wandert in die Ukraine. Aber man kann zumindest erahnen: Es gibt angenehmere Lebenswege. Der Kopf ist ein Gefängnis. Da bleiben Sachen hängen. Vielleicht fühlt man sich sein Leben lang verfolgt.

Doch Bancé hat einen Traum, er will ganz oben mitspielen, sich in Europa einen Namen machen und seiner zurückgelassenen Familie einen gehobeneren Lebensstandard gönnen. Zu Hause hoffen sie auf ihn. Eine Menge Druck für einen 19-Jährigen. Aber er funktioniert und landet schließlich bei Kickers Offenbach. Jörn Andersen holt ihn. Endlich darf er. Auch Bancé kann den Abstieg Offenbachs nicht verhindern. Die zwei roten Karten hängen an ihm wie Blei.

Eine Karriere am seidenen Faden

Als Andersen dann im Sommer 2008 nach Mainz geht, nimmt er sein Juwel gleich mit. Bancés Aufstieg schleicht voran. Er soll die 05er zurück in die erste Liga schießen und erledigt seine Aufgabe mit Bravour. Er bildet mit Srdjan Baljak eines der überragenden Angriffsduos der Liga, schießt 14 Tore. Auf der Aufstiegsfeier färbt er sich seine knallblonden Haare in Mainzer-Rot. Steigt in Unterhosen auf den Zaun. Er ist ein 05er. Angekommen in einer europäischen Spitzenliga.

Doch die Vorbereitung auf die Erstligasaison läuft für Mainz nicht nach Plan. Interne Schwierigkeiten lassen Trainer Jörn Andersen immer weiter aufs Abstellgleis abdriften, sein Lieblingsschüler Bancé wird ebenfalls außer Gefecht gesetzt. Nach einer Länderspielreise kommt er geschwächt zurück. Er fühlt sich abgeschlagen, müde, leer. Man rechnet mit einem grippalen Effekt. Nach einer Routineuntersuchung diagnostiziert Mannschaftsarzt Dr. Klaus Gerlach: Malaria! Das Sumpffieber kann tödlich sein. Bancés Karriere hängt für Tage am seidenen Faden. Dann die erlösende Nachricht. Er wird geheilt.

Er steht immer im Mittelpunkt

Wenige Tage später scheidet Mainz im Pokal aus, Andersen wird entlassen, Tuchel als neuer Trainer vorgestellt, und Aristide Bancé gerät auf dem Vereinsparkplatz mit einer unbekannten Frau aneinander. Prügel-Profi bei Krisel-Mainz. Super Geschichte.

Bancé durchläuft ein Karriertal. Von den Mainzer Zuschauern wird er weiterhin respektiert. Sie nennen in »Büffel«, weil der kantige Angreifer sich mit seinem 1,90 Meter durch die Abwehr, nun ja, büffelt. Doch Fußball-Deutschland hat sich auf ihn eingeschossen. Es ist nun mal das Schicksal eines groß gewachsenen Angreifers, der sich die Haare grellblond färbt: Er fällt immer auf, ob er will oder nicht. Die Mannschaft kann untergehen, man erinnert sich nur an den großen Blonden mit den bunten Schweißbändern um den Arm.

Als er gegen die Bayern das Siegtor schießt und Wochen später auch gegen Berlin und Hoffenheim den Sieg bringt, schwebt er auf einer Wolke. Bancé ist plötzlich nicht mehr der Prügel-Profi, auf einmal heißt er Goldköpfchen. Es kann sich sehr schnell drehen.

Doch es geht wieder abwärts. Der Büffel pflügt weiter die Plätze der Liga um, nur das Tor trifft er nicht. Es wird addiert: Erst 613 Minuten, dann sogar 1153 Minuten ohne Tor. Das nagt am ehrgeizigen Angreifer aus Abidjan. Der Wind dreht sich wieder. Manchmal geht alles so schnell, dass man austeigen will, um zu kotzen. Geht aber nicht.

Er zeigt dem Frankfurter Publikum den Mittelfinger, bezichtigt seinen Gegenspieler Maik Franz, ihn rassistisch beleidigt zu haben. Dass sie ihn von den Rängen mit Bierbechern beschmeißen, bei jeder Aktion pfeifen, wird verschwiegen. Was das in einem Menschen auslösen kann? Offensichtlich die falschen Frage. Es passt nicht ins Bild: Bancé ist der Undisziplinierte. Ist der Ruf erst ruiniert.

Aris Ego nervt

Tage später stehen sich Franz und Bancé beim DFB gegenüber und geben einander die Hand. Alle sehen, dass sie lieber Kopfnüsse verteilen würden. Egal. Klick. Das nennt man Image-Politur. Trainer Thomas Tuchel sagt dazu nur: »Das hätte ich an seiner Stelle niemals gemacht.« Bancé macht es, vielleicht muss er es machen, und grummelt weiter.

Die Torflaute ärgert ihn. Er lässt sich im Training hängen. Tuchel schickt »Ari«, wie man ihn in Mainz nennt, sogar einmal vorzeitig Duschen. Sein Kommentar: »Einen Spieler, der sein Ego über das Wohl der Mannschaft stellt, kann ich nicht gebrauchen.« Es ist ein schmaler Grat, auf dem Bancé wandelt: Er ist talentierter als jeder andere Mainzer Angreifer, und das weiß er auch. Deswegen liegen alle Augen auf ihm, wenn es schlecht läuft. Läuft es gut, hat die Mannschaft gut gearbeitet.

Lehmann Kurzschluss ist Bancés Glück

Er ist der Prellbock, ein 24-jähriger Hüne mit grellblonden Haaren und noch viel grelleren Schuhen. Da fällt es leicht, einen Sünder zu finden. Er selbst kann und will sich öffentlich nicht äußern. Er könnte mit seinem gebrochenen Deutsch falsch verstanden werden, französische Dolmetscher sind rar bei Bundesliga-Spielen.

Er steht noch einmal im Fokus, als ihm ein sichtlich desorientierter Jens Lehmann auf den Fuß tritt, vom Platz fliegt und später einem Zuschauer die Brille von der Nase reißt. Lehmanns Kurzschluss ist Bancés Glück. Denn man ahnt, was hätte passieren können, wenn Lehmann seelenruhig in die Kabine gestapft wäre. Bancé der Provokateur. Da war doch mal was. The return of the Prügel-Profi.

Torhüter zwischen Krankenhaus und Ruhmeshalle

Doch Bancé arbeitet hart, entwickelt sich unter Tuchel vor allem spielerisch weiter. Mittlerweile ist er nicht mehr nur der büffelige Stoßstürmer, er fordert und verteilt Bälle, spielt oft mit nur einem Kontakt. Eine neue Qualität, die Bancé immer mehr zum Teil der Mannschaft werden lässt.

Gegen die Hertha knallt es dann endlich wieder in die richtige Richtung. Mit einem Traumtor flimmert er über jeden Bildschirm. Sein rechter Huf lässt beinahe das Tornetz im Olympiastadion zerreißen. Sein Mitspieler Florian Heller gibt anschließend einen Einblick in Bancés Seelenleben: »Wer Ari kennt, weiß, wie wichtig das Tor für ihn war und für die Stimmung bei uns. Denn er war schon ziemlich genervt wegen der Flaute. Wir sind froh, dass er ab jetzt im Training wieder besserer Laune ist.«

Er trifft auch gegen Bremen und Hoffenheim. Aus der Distanz. Jedes Mal hämmert er so hart, dass die Torhüter zwischen Ruhmeshalle und Krankenhaus wandeln. 

Ist er schon bei Fulham?

Und auf einmal redet niemand mehr vom Prügel-Profi. In Mainz flattern Angebote aus England ein. Angeblich soll der FC Fulham bereits ein Millionenangebot ausgesprochen haben. Manager Heidel weiß, wie das Geschäft läuft, und sagt: »Bancé ist nicht unverkäuflich.« Bleibt er? Geht er? Das fragt man sich nicht nur in Mainz. Im Internet findet sich die Antwort.

Sucht man bei Wikipedia nach Arisitde Bancé, sieht man, dass er bereits ab 2010 beim FC Fulham unter Vertrag steht. Es ist wie so oft in Bancés Karriere: Ob es stimmt oder nicht, ist zweitrangig. Manchmal kann sich eine Karriere eben schnell drehen. So schnell wie ein Joint. So schnell wie ein Ball. Oder so schnell wie ein Image. Es liegt immer im Auge des Betrachters.

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