Anti-Rassismus-Beauftragter in Russland

92 Fälle von Diskriminierung in einer Saison

Das Aktionsbündnis Football Against Racism in Europe (FARE) hat für die Saison 2014/15 ganze 92 Fälle von Diskriminierung im russischen Fußball dokumentiert. Die Liste reicht von neo-nazistischer Symbolik und rassistischen Gesängen bis hin zu gewalttätigen Attacken auf politische Gegner und nicht-weiße Menschen und Fußballer.

Ein weiterer von FARE miterstellter Bericht listet über 200 Fälle für den Zeitraum von Mai 2012 bis Mai 2014 auf. Im Juli 2015 äußerte sich auch der Brasilianer Hulk zu der Problematik, damals noch in Diensten von Zenit St. Petersburg. Er erfahre rassistische Beleidigungen in »fast jedem Spiel«, gab er damals resigniert zu Protokoll. »Früher wurde ich wütend, heute weiß ich, dass das nichts bringt.«

Hulk kommentierte auch einen Vorfall vom selben Monat, als der Ghanaer Emmanuel Frimpong in Form von »Affe«- und »Uh Uh Uh«-Rufen beim Spiel seines FK Ufa gegen Spartak Moskau beleidigt wurde. Er reagierte, indem er den Rassisten den Mittelfinger zeigte, was ihm eine Sperre für zwei Spiele einbrachte und von seinem eigenen Verein vorgeworfen wurde.


Der Russische Fußballbund steckt im Dilemma


Hulk sagte, er sei verwundert, dass Ufa nichts unternommen habe. Das kam beim russischen Fußballverband nicht gut an. Dessen Ehrenpräsident Wjatscheslaw Koloskow erklärte damals, die Vorfälle gingen Hulk nichts an. An der anstehenden Gruppen-Auslosung für die WM nahm der Stürmer dann plötzlich nicht mehr Teil. Seinen Platz nahm ein ehemaliger russischer Nationalspieler ein: Alexej Smertin.


In einer Erklärung auf der RFS-Website ließ der neue Anti-Rassismus-Beauftragte nach seiner Ernennung verlauten, Russland solle ein »Beispiel für globale Toleranz auf und neben dem Spielfeld sein« und werde das definitiv zeigen. 


Der Fußballverband spielt dabei eine entscheidende Rolle, befindet sich aber in einem Dilemma. Rassistische Beleidigungen und die Existenz rechtsradikaler Fans anzuerkennen, würde einen Schatten auf den Fußball im größten Land der Welt werfen, den man vor WM und Confed Cup vermeiden möchte. Aber: Wie möchte man diese Probleme bekämpfen, wenn man ihre Existenz leugnet? Darüber wird sich Smertin noch länger den Kopf zerbrechen müssen.