Anderson tritt in große Fußstapfen

Wie Scholes, nur anders

Sir Alex Ferguson adelte Anderson als den »neuen Scholes«. Ein großer Schritt für einen 21-jährigen Brasilianer, der sich erst einmal Schritt für Schritt an die Premier League gewöhnen musste. Doch nun scheint seine Zeit gekommen. Anderson tritt in große FußstapfenImago Wie von der Tarantel gestochen, sprang Alex Ferguson am Spielfeldrand des Moskauer Luzhniki-Stadions auf. Soeben hatte der vierte Offizielle die Nachspielzeit angezeigt. Noch vier Minuten. Der FC Chelsea und Manchester United schenkten sich im Champions League-Finale 2008 keinen Zweikampf, keinen Zentimeter Rasen, nicht einmal die Luft zum Atmen. Es stand 1:1, 120 Minuten waren gespielt, das Elfmeterschießen schien unausweichlich. Oder doch nicht?

[ad]

Von den Rängen drangen Rauchschwaden in Richtung Spielfeld als Ferguson seinem Co-Trainer Mike Phelan einen Namen zubrüllte: »Anderson«. Die Nummer 8, Anderson Luís de Abreu Oliveira, die »boy show«, machte sich bereit für seine Einwechslung. Konnte dieser 20-jährige Brasilianer dem Spiel in den letzten Minuten wirklich noch die entscheidende Wende bringen? Er konnte es nicht. Der Schiedsrichter pfiff nach 125 atemberaubenden Minuten, exakt eine Minute nach Anderson Einwechslung und null Ballberührungen von Anderson, ab. Es hieß Elfmeterschießen. 

»Ronaldinho mit dem linken Fuß«

Als Sommer 2002 die brasilianische Nationalmannschaft in Japan und Südkorea den Weltmeistertitel gewann, geriet neben dem wieder erstarkten Ronaldo vor allem ein langhaariger Zauberfußballer aus Porto Alegre ins Zentrum der Begierde zahlreicher europäischer Großclubs. Seine Bewegungen waren flink, seine Tricks atemberaubend, sein Name: Ronaldinho. Die Vereine überschlugen sich mit ihren Transfersummen, um den hasenzahnigen Wunderfußballer an sich zu binden. Ganz vorne mit dabei war der reichste Club der Welt: Manchester United. Doch Ronaldinho entschied sich für den FC Barcelona und hinterließ über Jahre Woche für Woche staunende Fußballanhänger in den Stadien. Manchester United blickte mit einer Mischung aus Neid und Missgunst gen Spanien. Sie hatten ihre Chance auf die größte Attraktion im Weltfußball vertan. Mittlerweile ist die große Zeit Ronaldinhos abgelaufen und außerdem hat Manchester mit Christiano Ronaldo längst seinen eigenen Sensationsfußballer in den Reihen. Und endlich, fünf Jahre nach dem Ringen um Ronaldinho, bekamen sie in Manchester auch ihren langhaarigen, brasilianischen Ausnahmefußballer aus Porto Alegre. Anderson, genannt der »Ronaldinho mit dem linken Fuß«, hatte seine Karriere in Brasilien, genau wie Ronaldinho Jahre zuvor, bei Gremio Porto Alegre begonnen, wie Ronaldinho spielte er vornehmlich im linken Mittefeld und wie Ronaldinho sorgte er auch bei einer U-17 WM für Furore. Doch mit Andersons Wechsel zum FC Porto im Jahr 2005 endeten auch schon die Gemeinsamkeiten der beiden. Denn in Porto rückte Anderson in die Rolle des zentralen, defensiven Mittelfeldspielers, Ronaldinho klebte weiter auf dem Flügel.

Schrittweise Annäherung

Zentral Defensiv - genau auf dieser Position ist Anderson auch zukünftig in Manchester eingeplant, wohin er im Sommer 2007 für geschätzte 31 Millionen Euro wechselte. Der damals 19-jährige bekam anfangs allerdings nur selten die Gelegenheit, sein Talent unter Beweis zu stellen. Denn in der Startaufstellung stand vor ihm stets das United-Urgestein Paul Scholes. Es ist Sir Alex Fergusons besonderer Qualität zuzuschreiben, dass er es schaffte den ungeduldigen und hoch veranlagten Anderson mit aller Ruhe auf seine kommende Aufgabe vorzubereiten. »Als wir ihn uns ansahen, wussten wir, dass wir einen der besten jungen Spieler der Welt bekommen. Aber um Himmels Willen beruhigt Euch. Ich weiß, dass er Potential hat, aber wir dürfen ihn nicht unter Druck setzen«, raunzte Ferguson in all die Anfangseuphorie um den kleinen Wirbelwind. Wann immer der alternde Scholes in der Vergangenheit ausfiel, war Anderson zur Stelle und hat sich so schrittweise in die Startaufstellung Uniteds gespielt. »Er kann tacklen, ist pfeilschnell und sehr mutig«, beschreibt Ferguson die Qualitäten seines Mittelfeldmotors und vergisst dabei beinahe Andersons anderen Kernkompetenz. Der 1,70 Meter Brasilianer beherrscht ein Passspiel, dass so präzise ist wie das Handwerk eines Gehirnchirurgen. Dennoch ist er keine Blaupause des Strategen Scholes. Andersons Spiel ist wesentlich laufintensiver, aggressiver und voller Effekte. Dank seiner perfekten Ballbeherrschung, die bei brasilianischen Fußballer sowieso als Standardausstattung mitgeliefert wird, kann er jederzeit einen Gegner stehen lassen wie einst Ronaldinho. Doch hin und wieder agiert der 21-jährige Überflieger auch für Ferguson Verständnis noch zu ungestüm. Aber auch das bringt der Altmeister seinem Zögling Anderson Schritt für Schritt bei. So wechselte Sir Alex »Andershow«, wie die Fans Anderson nennen, im Champions-League Halbfinale gegen Arsenal in der 67. Minute gegen Ryan Giggs aus. Auf Nachfrage begründete er die Entscheidung damit, dass Anderson ihm »zu optimistisch« gespielt habe.Doch nun scheint es genug der Philosophie der kleinen Entwicklungsschritte. Nur wenige Tage vor dem Halbfinal-Rückspiel adelte Ferguson nun Anderson mit dem für ihn größtmöglichen Kompliment und sagte: »Er wird irgendwann Scholes ersetzen.«

Doch bei all seinem Talent hat Anderson ein großes Manko. In insgesamt 72 Spielen für Manchester erzielte Anderson erst ein einziges Tor. »Wir alle zünden Kerzen an, dass er bald wieder trifft«, sagt Ferguson mit einem Lächeln. Denn er erinnert sich noch genau an dieses eine Tor. Es war am 21.05.2008 im Luzhniki-Stadion von Moskau. Das Champions League Finale zwischen Manchester United und Chelsea London. Soeben war Chelseas John Terry auf dem seifigen Untergrund ausgerutscht und hatte seinen Elfmeter, der die Entscheidung hätte sein können, rechts am Tor vorbei geglischt. Der junge Brasilianer Anderson, nur eine Minute vor dem Abpfiff eingewechselt, nahm den Ball und drosch seinen Elfmeter kompromisslos in die Mitte. Wenig später verschoss Anelka und Manchester United gewann den Champions League-Titel. Ob Ronaldinho sich dieses Spiel angesehen hat, ist nicht überliefert.