Anatolij Timoschtschuk im Portrait

Eine Sechserin für München

Auf dem Feld ist er selbst der Stratege, am Verhandlungstisch seine Ehefrau, und für Unordnung sorgt er nur bei Journalisten: Bayern potentieller Zugang Anatolij Timoschtschuk von Zenit St. Petersburg im Porträt. Anatolij Timoschtschuk im PortraitImago Die Evolution des Fußballs hat auf ihrem langen Weg so manches Phänomen hervorgebracht, das heutzutage wie ein Produkt aus längst vergangenen Zeiten wirkt. Das Libero-Zeitalter scheint schon längst der Kick-Geschichte anzugehören, ebenso die Vorstopper-Epoche, und genauso die Spielerfrauen-sitzen-mit-am-Verhandlungstisch-Ära. Doch kurz bevor Gaby Schuster, Bianca Illgner und Martina Effenberg im Fotoalbum der Fußball-Geschichte endgültig als Schwarz-Weiß-Abzug neben »Katsche« Schwarzenbeck landen, naht zur Rettung der Gattung »verhandelnde Spielerfrau« Hilfe aus dem Osten Europas - in Form von Nadjeschda Timoschtschuk, der Gattin des ukrainischen Mittelfeldspielers Anatolij Timoschtschuk, an dem unter anderem der FC Bayern Interesse hat. Der 29-Jährige hat keinen Spielerberater, sondern vertraut am Verhandlungstisch ganz den Fähigkeiten seiner Frau.

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Angeblich konnte sich die Führungsetage der Bayern von Frau Timoschtschuk schon einen ersten Eindruck machten. Denn laut Bild soll sie dabei gewesen sein, als Bayerns Manager Uli Hoeneß und Vorstand Karl-Heinz Rummenigge mit Timoschtschuk ein »Informationsgespräch über einen eventuellen Wechsel zum 1. Juli 2009« führten, wie die Bayern-Macher die Zusammenkunft umschreiben.

Ihnen dürfte auch ziemlich egal sein, ob ihnen da am Verhandlungstisch nun ein Spielerberater oder eine Spielerfrau gegenüber sitzt. Aus ihrer Sicht ist der kickende Teil des Ehepaares Nadjeschda & Anatolij ja ohnehin der wichtigere. Denn mit dem 29-Jährigen von Zenit St. Petersburg würden die Bayern eines ihrer drängendsten Probleme lösen: die Position des »Sechsers« vor der Abwehr.

Schon länger sieht Jürgen Klinsmann auf dieser Position Verbesserungsbedarf. Mit Kapitän Mark van Bommel liegt Klinsmann nicht auf einer Wellenlänge, der Brasilianer Zé Roberto befindet sich im Spätherbst seiner Karriere zwar wieder in einer starken Verfassung, ist aber mehr ein Achter als ein Sechser, Martin Demichelis hat schon des Öfteren zu verstehen gegeben, dass ihm diese Position nicht behagt, und Andreas Ottl ist halt Andreas Ottl. Nicht umsonst schwirrten schon im Sommer verschiedene Namen durch den Raum: Mailands Gennaro Gattuso wurde ebenso genannt wie Arsenals Mathieu Flamini.

Ordnung auf dem Feld, Unordnung bei den Journalisten

Nun ist also der Ukrainer Timoschtschuk zu »Klinsis Wunschspieler« (Bild) aufgestiegen. Im Frühjahr konnte sich die Bayern-Führung erstmals von den Qualitäten des Ukrainers überzeugen - als der mit Zenit St. Petersburg den FC Bayern im Uefa-Pokal-Halbfinale ausschaltete. Bei der bayerischen 0:4-Rückspielpleite wurden die Unterschiede deutlich. Auf der einen Seite van Bommel, der zwar das Wort führt, sich aber oft falsch positioniert und bei manchen Gegentoren irgendwo in der Nähe der Mittellinie aufhält; auf der anderen Seite Timoschtschuk, der mit präzisen Pässen, sinnvollen Laufwegen, robustem Zweikampfverhalten und starkem Stellungsspiel überzeugte. Timoschtschuk sorgte auf dem Feld für Ordnung, und nur bei Journalisten für Unordnung, weil von Anatoly Tymotschuk bis Anatolij Timoschtschuk eine Handvoll Schreibweisen auftauchten.

Seine Fähigkeiten entwickelte der Blondschopf vor allem beim ukrainischen Klub Schachtjor Donezk. Von 1998 bis 2007 kickte er dort und errang je drei nationale Meisterschaften und Pokalsiege. Dank der vielen Millionen des Oligarchen Rinat Achmetow und dank Timoschtschuk als Leitwolf begann die Zeit, in der sich Schachtjor regelmäßig für die Hauptrunde der Königsklasse qualifizierte. Zudem stieg Timoschtschuk auch in der Nationalelf zum Führungsspieler auf und war einer der stärksten Akteure, als die Ukraine bei der Weltmeisterschaft 2006 bis ins Viertelfinale marschierte.

Als Nadjeschda Timoschtschuk das bisher letzte Mal einen Transfer festklopfte, sorgte der für ziemlich viel Aufregung. Im Februar 2007 zahlten die Zenit-Verantwortlichen für Timoschtschuk rund 15 Millionen Euro an Donezk - die bis dahin höchste Ablösesumme im russischen Fußball, die danach auch nur vom Portugiesen Danny (für 30 Millionen von Dynamo Moskau zu Zenit) überboten wurde. Danach hielt sich das Gerücht, dass Zenit und sein Eigner Gazprom die Ablöse zum Teil über Gaslieferungen an die Ukraine beglichen.

Das Ehepaar Timoschtschuk ließ sich die Klausel in den Vertrag schreiben, im Sommer 2009 den Verein für eine bestimmte Ablösesumme verlassen zu dürfen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, diese Summe betrage 15 Millionen Euro, die Zenit-Pressestelle erklärte auf Nachfrage von sueddeutsche.de, man würde keine Zahlen nennen.

Timoschtschuks Verpflichtung war wohl der entscheidende Baustein für die Erfolge von Zenit (Meister 2007, Uefa-Pokal-Sieger 2008). Hinter den viel und gerne rochierenden Offensivwirblern Arschawin, Denissow, Fajsulin und Syrjanow bildete Timoschtschuk das beständige Zentralbollwerk. Schon nach zwei Monaten entschied sich Trainer Dick Advocaat, den Wert des Ukrainers auch nach außen zu dokumentieren: Als sich der damalige Spielführer Andrej Arschawin mit dem niederländischen Coach anlegte, entzog der ihm die Kapitänsbinde - und reichte sie an Timoschtschuk weiter.

In der Schule Deutsch gelernt

Nun neigt sich dessen Zeit an der Newa dem Ende entgegen. »Er will kein Spiel mehr für Zenit bestreiten«, bedauerte Trainer Advocaat vor kurzem. Ein neues Vertragsangebot lehnte er ab. Mit Timoschtschuks starken Leistungen wuchs auch das Interesse von mehreren europäischen Spitzenklubs. Kürzlich verriet er, warum sich deutschsprachige Vereine im Vorteil wähnen dürften: »In der Schule habe ich Deutsch gelernt, und nicht Englisch.«

Dass Timoschtschuk die Bundesliga schon im Winter mit seinen Deutsch- und seinen sonstigen Fähigkeiten beeindruckt, ist eher unwahrscheinlich. Denn er wäre erstens für die Champions League nicht spielberechtigt und zweitens deutlich teurer als im Sommer; die Verträge der derzeitigen defensiven Mittelfeldspieler Zé Roberto und van Bommel laufen im Sommer aus; und schließlich wäre es auch für Frau Timoschtschuk nicht so schön. Denn das nach dem Vertragsverhandeln zweitgrößte Vergnügen der Spielerfrauen, das Shoppen in den Einkaufsmeilen, macht im kalten Winter doch viel weniger Freude als im schönen Münchner Sommer.