Amateurteams im DFB-Pokal-Halbfinale

Die »Euro-Killer«

Eintracht Trier (1997/98)
Im Jahr 1997 waren Begriffe wie »Rettungsschirme«, »Grexit« und »Schuldenschnitt« noch weit entfernt. Die deutschen Boulevardblätter konnten noch vollkommen ohne politische Konnotation von den »Euro-Killern« schreiben – gemeint war Eintracht Trier. Der Regionalligist warf im DFB-Pokal zuerst den amtierenden Uefa-Cup-Sieger Schalke 04, dann den Champions-League-Gewinner Borussia Dortmund aus dem Wettbewerb

Zur Symbolfigur der Überraschungen wurde ein Mann namens Rudi Thömmes. Nie hat jemand die Anforderungen eines Publikumslieblings so übererfüllt wie er. Das deutsche Fußballvolk hatte schließlich schon immer eine Schwäche für Torjäger mit wallender Lockenpracht namens »Ruuuuuuddi«. Der gelernte Maschinenbauer Thömmes traf dann auch nicht nur gegen Schalke zum 1:0-Siegtor, sondern schoss auch gegen den BVB die Trierer in Führung. Nach dem 2:1 gegen die Schwarz-Gelben und einem Sieg über Waldhof Mannheim erreichte die Eintracht gar das Halbfinale. Dort unterlag der Underdog dem MSV Duisburg im Elfmeterschießen.

Thömmes steht bis heute für die »Euro-Killer«, seine Beliebtheit erreichte allerdings ihre Grenzen. Nachdem bekannt wurde, dass Thömmes eigentlich Schalke-Fan war, meldeten sich aufgebrachte Anhänger. Er sagte dem »Focus«: »Nach dem Schalke-Spiel brauchte ich eine Geheimnummer, weil ich viele dubiose Anrufe bekam, wie ich als S04-Fan nur meinen Lieblingsclub rauswerfen konnte.« Mit seinem Tor gegen den BVB in der folgenden Runde konnte er die Wogen immerhin etwas glätten.



Union Berlin (2000/01)
Zu DDR-Zeiten verschmähte die Parteiführung Union Berlin, der Köpenicker Verein stand auch nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich mies da. Gerade als sich die Union-Fans daran gewöhnten, die Loser zu sein, begann die DFB-Pokalsaison 2000/01. Für den Regionalligisten war die Pokalsaison der Wendepunkt in der Vereinsgeschichte.

Union räumte in den ersten Runden die Zweitligisten Oberhausen, Fürth und Ulm aus dem Weg. Harun Isa schoss vier Tore in drei Spielen. Und so ging es weiter: Im Viertelfinale gegen den Erstligisten aus Bochum strömten zum ersten Mal mehr als 10.000 Zuschauer in die Alte Försterei. Flutlicht bestrahlte den leicht gefrorenen Köpenicker Rasen, es war kurz vor Weihnachten. Bochum war besser, doch es blieb lange beim 0:0. In letzter Minute passten die Unioner einen Freistoß um die Bochumer Mauer herum, die Flanke von außen schob Daniel Ernemann über die Linie. Union stand im Halbfinale. Schon das war eine Sensation.

Hans Meyers Borussia aus Mönchengladbach war zu Gast. Zwei Stunden lang ackerte und rannte Union, erst kurz vor Ende der regulären Spielzeit hatten die Berliner ausgeglichen. Dann die Verlängerung, es blieb beim 2:2. Die Entscheidung fiel im Elfmeterschießen. Erst hielt Sven Beuckert die Schüsse von Arie van Lendt und Max Eberl, dann besiegelte Ronny Nikol für die Unioner endgültig die Wiedervereinigung. Über Nacht wurde Union vom miefigen Stiefkind zum Kultklub. Weil sich der Pokalfinal-Gegner aus Schalke auch für die Champions League qualifizierte, war Union später auch im Uefa-Cup dabei.

Im Finale gegen Schalke wurde Rudi Assauer kreidebleich, denn Union traf zweimal Latte und Pfosten. Eine Woche nach den tragischen vier Schalker Minuten im Mai waren allen elf Spielern die Spuren der Schalker Tragödie ins Gesicht geschrieben. Doch in der 53. Minute trippelte Jörg Böhme vier Schritte und knallte einen Freistoß ins linke Eck. Fünf Minuten später wurde Emile Mpenza im Strafraum von den Beinen geholt, Böhme machte alles klar. Für Union war die Saison mit dem Aufstieg in die zweite Liga, dem Pokalfinale und der Europapokal-Qualifikation trotzdem ein Riesenerfolg. Für Präsident Heiner Bertram war es nach der leidvollen Vergangenheit »eine späte Wiedergutmachung«.