Als Zaires Mannschaft um ihr Leben spielte

»Geh zurück nach Afrika, Bimbo!«

Sportlich waren die Vorzeichen alles andere als gut. Nach einer Reihe deftiger Pleiten in Testspielen gegen Klubteams aus der Schweiz und Italien musste Trainer Bagoje Vidinic einräumen, dass seine Spieler auf die Anforderungen eines WM-Turniers nur unzureichend vorbereitet waren. Dank Mobutus Kontakten und seines sagenhaften Reichtums (er hatte damals geschätzte 50 Millionen auf Schweizer Konten liegen) genoss die Mannschaft in Deutschland alle erdenklichen Annehmlichkeiten. An Bord einer gecharterten Boeing 747 erreichte sie den Frankfurter Flughafen, von wo aus sie mit einem nagelneuen Mercedes-Bus zum Hotel chauffiert wurde. »Viele von uns waren nie zuvor in Europa gewesen«, erzählt Ilunga. »Der Wohlstand und der Überfluss in Deutschland raubte uns den Atem, genau wie unser Quartier.« Vor dem ersten Spiel gegen Schottland herrschte im Team ein fast naiver Optimismus. Ilunga erinnert sich an die Stimmung in der Umkleidekabine: »Wir platzten fast vor nationalistischem Eifer. Wir hatten das Gefühl, für Afrika, für uns selbst und für Mobutu zu spielen.«

»Hey Nigger«, rief er. »Geh zurück nach Afrika, Bimbo!«

Vor der Partie hatte der sonst eher wortkarge schottische Coach Willie Ormond gemeint: »Sollten wir gegen Zaire verlieren, schicke ich meine Mannschaft nach Hause.« Doch in der ersten halben Stunde verblüfften die Zairer die Schotten mit ihrem schnellen Passspiel und begeisterten die Zuschauer in Frankfurt; allein ein Tor wollte ihnen nicht gelingen. Schließlich kam Schottland durch Treffer von Peter Lorimer und Joe Jordan zu einem mühevollen 2:0-Sieg. Jordan profitierte bei seinem Kopfballtor von einem haarsträubenden Fehler des zairischen Torwarts Kazadi und der Unfähigkeit der Abwehr, eine vernünftige Abseitsfalle zu organisieren. Trotzdem wurde die Mannschaft mit Applaus verabschiedet. »Die Stimmung in der Kabine war ziemlich positiv«, sagt Ilunga. »Wir hatten das Gefühl, uns achtbar geschlagen zu haben.« Eine belgische Zeitung schrieb, die Zairer hätten »frischen Wind« ins Turnier gebracht. Entsetzt waren sie indes über die rassistischen Beschimpfungen, mit denen vor allem ein schottischer Spieler um sich geworfen habe. »Es war ein internationaler Star«, behauptet Ilunga. »›Hey Nigger‹, rief er. ›Geh zurück nach Afrika, Bimbo!‹ Es war schrecklich und der Schiedsrichter unternahm nichts dagegen.«

Überdies stellten die Spieler bald fest, dass Mobutus Zusicherungen nichts als leere Versprechungen waren. »Nach dem Spiel gegen Schottland wollten ein paar von uns ausgehen, also fragten wir den Trainer, ob wir etwas von dem Geld haben könnten, das uns versprochen worden war. Aber daraus wurde nichts. Bleibt auf euren Zimmern und benehmt euch wie Profis, hieß es. Erst als ich Mobutus Schergen herumlungern sah, begriff ich, was vor sich ging. Sein Sicherheitsdienst hatte sich die Kohle eingesteckt. Sie schickten uns auf unsere Zimmer und sagten, dass wir nicht in Deutschland seien, um uns zu vergnügen.« Von da an standen die Leoparden praktisch unter Hausarrest und verließen nur noch zum Training das Hotel. Sie sahen fern in einer Sprache, die sie nicht verstanden, rauchten und tranken mehr, als gut für sie war. Zwei Tage vor dem nächsten Match gegen Jugoslawien forderte Torhüter Kazadi die Mitspieler auf, nach dem Abendessen auf sein Zimmer zu kommen. Er schlug einen Spielerstreik vor, um Mobutu zu verdeutlichen, dass seinen eigenen Sicherheitsleuten nicht zu trauen war. »Die Stimmung war sehr angespannt. Ich glaube, dass inklusive Kazadi acht Spieler dafür stimmten, doch der Rest fand, sie würden ihr Land verraten, wenn sie nicht anträten.« Als die Elf gegen Jugoslawien aufs Feld kam, war ihr ohnehin brüchiges Selbstvertrauen endgültig dahin.