Als Werder die Bayern zum bisher letzten Mal demütigte

Der unglaubliche Özil

Und schließlich dieser 20. September 2008. In der Allianz-Arena, die auf mich im Vergleich mit dem doch äußerst charmanten Olympiastadion den Reiz einer geleckten Pseudo-Schickeria-Bar mit unbequemen Kunstleder-Stühlen ausstrahlte. Markus Rosenberg schoss nach einer halben Stunde das 1:0, Naldo erhöhte kurz vor der Pause auf 2:0. Auf Bayerns Bank saß Jürgen Klinsmann, den ich eigentlich immer recht sympathisch fand, aber an diesem Tag war er nun mal Trainer einer Münchener Mannschaft, die gerade gegen Bremen auf den Sack bekam. Hohn und Spott schüttete ich gemeinsam mit tausenden anderen Werderanern über ihm und seinem Verein aus – als würde man den Klassenstreber dabei beobachten, wie er die erste 5 seines Lebens kassiert. Nicht wirklich nett. Aber verdammt befriedigend.

Wunderknabe Mesut Özil

Mesut Özil war damals 19 Jahre alt. Er hatte noch keine Facebook-Seite mit über 30 Millionen Followern, war noch keine Werbemarionette, hatte nicht mal eine Luxus-Freundin aus dem Privatfernsehen. Er war einfach ein unglaublich guter Kicker. Dünn wie ein Toastbrot, viel zu schnell für seine Gegner, der Ball gehorchte ihm wie ein Blindenhund seinem Herrchen. Özil spielte gigantisch an diesem Tag. Neben ihm tobte Diego durch das Bremer Mittelfeld. Gemeinsam versprühten diese kleinen Männer so viel Spielfreude wie ein ganzer Kindergarten. Wir standen in der Kurve und ließen uns verzaubern.

Özil schoss das 3:0, ein unglaubliches Tor. Claudio Pizarro und wieder Markus Rosenberg erhöhten auf 5:0. Mein Kumpel riskierte für den Jubel über Treffer Nummer fünf sein Leben, als er zwei stiernackigen Ordnern vier halbe Liter Bier ins Gesicht warf, weil die ihn mit Pils nicht zurück auf seinen Platz lassen wollten. Wir lagen uns glücksbesoffen in den Armen und sangen uns die Stimmbänder zu Grunde. Der Sieger triumphiert über den Besiegten. So müssen sich damals die Anhänger von David gefühlt haben, nachdem ihr Mann Goliath ausgeschaltet hatte.