Als Vater an der Seitenlinie

Eine Hundertschaft Eltern – beim Gegner

Beim Gegner war eine halbe Hundertschaft Eltern erschienen, es herrschte heitere Stimmung, Kaffee wurde aus Thermoskannen ausgeschenkt, und das Mannschaftsmaskottchen, ein riesiger Plüschbär, hinter dem Tor platziert. Eine Mutter trug ein bedrucktes T-Shirt: »Andere wählen sich ihren Lieblingsspieler. Ich habe meinen geboren!« Ich konnte nur mühsam den Brechreiz unterdrücken. Aber vielleicht war es auch nur der pure Neid. Denn außer mir waren von unserem Verein nur noch zwei weitere Väter anwesend, einer davon ein starker Raucher, der sichtbar unter dem Qualmverbot auf dem Sportplatz litt und nervös auf und ab tippelte.

Der andere war von Woche zu Woche erstaunter, dass noch kein Talentscout eines ambitionierten Bundesligisten angerufen hatte, um seinen Sohn zu sichten. Die Enttäuschung über die stockende Karriere seines Sohnes kompensierte er dadurch, dass er nach jedem zweiten Spiel seinen Filius zusammenfaltete, wenn der weniger als drei Buden gemacht hatte: »So macht das keinen Sinn, Junge!«

Beide fingen, kaum hatte das Spiel begonnen, sofort an, wüste Kommandos aufs Feld zu krakeelen. Normalerweise wäre ich ja sofort in den Klagechor der Väter über vergurkte Zuspiele und verpasste Chancen eingefallen, nun aber nervte mich das Gebrülle kolossal. Ich gab stattdessen den abgeklärten Fachmann. Die Väter wussten es ja nicht besser. Ich dagegen blickte analytisch aufs Feld. Wo andere Spieler sahen, sah ich taktische Formationen. Beziehungsweise, auf dem Kleinfeld vor mir, keine taktische Formation.

Unsere Abwehr im Augenthaler-Modus

Es wurde nämlich die erwartete Abwehrschlacht. Unsere Truppe holzte von der ersten Minute mit dem Mute der Verzweiflung jeden Ball weg, der angeflogen kam. In Schildkrötenformation verschanzte sich das Team in Strafraumnähe und trat vorsichtshalber auf alles, was sich bewegte. Zweimal wälzte sich ein junger Dynamo-Stürmer am Boden, weil er von unserer Abwehr in Augenthaler-Manier kompromisslos abgeräumt worden war. Als Vater hätte ich dem Burschen gleich mal eine reingereicht (»Sind hier nicht am Burgtheater!«), als Trainer gab ich mich kameradschaftlich (»Entschuldige dich, Konstantin!«).

Ende der ersten Hälfte erlahmten langsam die Kräfte unserer Truppe. Jetzt war Frontbegradigung angesagt. »Wo ist dein Mann, Lukas?«, brüllte ich aufs Spielfeld. Eine spannende, gleichwohl rhetorische Frage. Lukas’ Mann wetzte nämlich gerade auf unser Tor zu. Uff, knapp daneben! Dem Rauchervater fiel vor Schreck die Ernte-23-Zigarette runter, die er heimlich in der Handhöhle geraucht hatte. „Verschieben“, rief ich aufs Spielfeld. Das sagten sie im Fernsehen auch immer. Ratlose Blicke bei meinen Spielern. Dann eben nicht.

AN-TI-ZI-PIE-REN!

Ich hatte mich immer noch verständlicher ausgedrückt als der E-Jugend-Coach, der neulich einen seiner Schützlinge mit einem Nasenabstand von etwa fünf Zentimetern anbrüllte: »Was haben wir besprochen? Du solltest antizipieren! AN-TI-ZI-PIE-REN!« Aber ich lernte schnell und verlegte mich auf simple Zweiwortansagen: »Einfache Bälle!« und gerne auch »Klarer Elfer!«, nachdem unser Stürmer unweit des Strafraums auf seine Schnürsenkel getreten war.

Kurz vor Schluss stand es immer noch 0:0. Was auch daran lag, dass sich aus dem gegnerischen Team auch niemand für die Kreisauswahl aufdrängte. Als ein X-beiniger Verteidiger zum wiederholten Mal am Ball vorbeisenste, rief eine Mutti aufmunternd hinein: „Das kannst du besser!“ Eine klare Notlüge. In der Nachspielzeit segelte noch mal ein Querschläger in den Strafraum des Gegners. Wildes Getümmel, ein Knäuel von jungen Spielern trat wüst gegen den Ball. Und ohne dass es von irgendjemandem beabsichtigt gewesen wäre, rutschte der Ball auf kuriose Weise ins Tor. 1:0 für uns, auswärts, beim haushohen Favoriten. Die Jungs umarmten sich überglücklich.

Und ich? Klar, ich habe mich schon gefreut. Der Treffer machte mich schließlich zum Erfolgstrainer. Unter meiner Leitung hat die Truppe nie verloren. Aber dass ich mich nach dem Tor triumphierend vor dem Maskottchen des Gegners aufgebaut und mehrfach die Beckerfaust gemacht haben soll, entspricht so nicht der Wahrheit. Zumindest gibt es davon keine Fotos.