Als Vater an der Seitenlinie

»Ich habe meinen Lieblingsspieler geboren«

Wir trafen uns am heimischen Sportplatz, und ich versuchte mir einen Überblick über das Spielerpersonal zu verschaffen. Schnell begriff ich, dass es im Spiel nur darum gehen konnte, möglichst lange ein torloses Unentschieden zu halten. Das Gros der Belegschaft hielt nach wie vor die Fußspitze für die geeignetste Form, den Ball zu schießen. Und vor allem in der Abwehr ging es drunter und drüber. Links verteidigte der schon erwähnte kompakte Knirps, der schon nach drei Minuten mit hochrotem Kopf vor sich hinschnaufte. Und da saß er noch in der Kabine.

Rechts daneben werkelte ein hochgeschossener Lulatsch, der so unsicher über den Platz stakste, als habe er gerade erst das Laufen gelernt. Unsere Bohnenstange hatte trotz seiner langen Beine den gemächlichen Antritt einer Wanderdüne. Bis der sich mal in Bewegung gesetzt hatte, saß der Rest der Truppe im Sportlerheim beim Abendessen. Vorne sah es nicht viel besser aus, der Sturm bestand aus einem kurzsichtigen Dreikäsehoch, der es fertigbrachte, vor Eckbällen stets ausgiebig seine Brille zu putzen, und einem Fummelkönig, dem es offenbar aus religiösen Gründen untersagt war, den Ball auch mal abzuspielen. Stattdessen verstrickte er sich in tollkühne Dribblings, um danach nahezu wehrlos den Ball zu verlieren und völlig entkräftet auf den Rasen zu sinken.

»Zyklop Inkasso« als Sponsor

Im Osten angekommen, betraten wir die ausgedehnte Sportanlage des Klubs, wo bereits reges Treiben herrschte. Die gegnerische Mannschaft war bereits vollständig versammelt. Sehr viele Dustins und Steffens, auch wurde hier das Kinderhaar offenbar flächendeckend mit dem Handrasierer geschnitten. Dafür hatte es gerade einen neuen Trikotsatz gegeben. Der Sponsor war jedenfalls schon mal klasse. Es warb der sympathische Geldeintreiber »Zyklop Inkasso« mit dem ebenso formidablen Werbespruch: »Wir können kein Auge mehr zudrücken!« Da musste man auch erst mal drauf kommen.

Wir bekamen unseren Kabinenschlüssel in die Hand gedrückt und ich machte mich seelisch bereit für meine erste flammende Kabinenansprache. Dafür musste ich mir allerdings erst noch einmal die Namen der Jungsdraufschaffen. Beim eigenen Sohn war ich mir einigermaßen sicher, aber hieß der lange Lulatsch neben ihm nun Konstantin oder Georg? Und der kastenförmige Junge mit dem Bürstenhaarschnitt? Leon oder Lukas?

Wo sind die Pässe?

Egal, die Mannschaft war ja der Star. Es sollte ungefähr so laufen wie in »Die Bären sind los«, wo Walter Matthau als Morris Buttermaker eine Gruppe krummbeiniger und kurzsichtiger Außenseiter ins Baseballfinale führt. Against all odds! Deshalb würde ich die Truppe nun bis in die Haarspitzen motivieren, jeden Einzelnen eindringlich fixieren und ihm eine persönliche Botschaft mitgeben. Ich holte tief Luft, um dem Team mal so richtig Feuer unterm ... da klopfte es an die Kabinentür und der Schiedsrichter lugte herein. »Denken Sie an die Spielerpässe? Ich warte!« Ach, richtig, ich hatte vom Jugendobmann die Spielerpässe mit auf den Weg bekommen.

Als ich die Mappe durchblätterte, war ich doch einigermaßen beeindruckt. Alles sauber und ordentlich ausgefüllt, sogar die Geburtsdaten stimmten. Das kannte ich aus meiner Jugend anders. Damals wurden Spielerpässe fröhlich zwischen den Altersstufen durchgereicht. In der Mappe unserer C-Jugend-Mannschaft fand sich damals der vergilbte Pass eines schüchternen Jungen, von dem ich sicher wusste, dass er letztes Jahr geheiratet hatte. Ein anderer hatte ein derartiges Allerweltsgesicht, dass er über viele Jahre stets herangezogen wurde, wenn bei einem anderen Kicker der Pass fehlte.

Ich trug die Aufstellung hinüber zum Schiedsrichter. Derweil rannte die Mannschaft hochmotiviert aufs Feld, die Spieler klatschten sich ab und schworen sich im Kreis aufs Spiel ein. Das Team brannte lichterloh. Also jetzt nicht unseres, sondern das des Gegners. Mein Team bedurfte erst einmal einer freundlichen Ermahnung des Schiedsrichters, bevor es gemächlich und portionsweise aufs Spielfeld schlurfte.