Als Thomas Helmer gegen Nürnberg das Phantomtor schoss

»Wäre meine Oma ein Bus, würde sie hupen«

Am 3. Mai 1994 wird die annullierte Partie vom 32. Spieltag nachgeholt. Am zwischenzeitlich bereits ausgetragenen 33. Spieltag hat Nürnberg den Tabellenvorletzten Wattenscheid mit 4:1 bezwungen, die Bayern beim Karlsruher SC nur 1:1 gespielt. Schiedsrichter Bernd Heynemann hat beim 5:0-Sieg der Bayern gegen Nürnberg überhaupt keine Probleme.

Während die Bayern am letzten Spieltag Schalke mit 2:0 bezwingen und die Meisterschaft feiern dürfen, verliert Nürnberg in Dortmund mit 1:4 und rutscht aufgrund des 2:0-Sieges des SC Freiburg doch noch auf Abstiegsrang 16. Punktgleich mit dem SC, aber mit der schlechteren Tordifferenz (-3 zu -14). Osmers: »Das war natürlich die Vollkatastrophe.«

Hätte er das vermeintliche Tor von Helmer nicht gegeben und wäre die Partie so weitergelaufen, wenn die Nürnberger also einen Punkt aus München entführt hätten – wäre Nürnberg nicht abgestiegen und der FC Bayern vermutlich auch nicht Deutscher Meister geworden. Ein Punkt und drei Tore trennen die Münchener in der Abschlusstabelle vom Vizemeister 1. FC Kaiserslautern.

»Wäre meine Oma ein Bus, würde sie hupen«

»Wäre meine Oma ein Bus«, hat der kluge Dieter Eilts mal den Konjunktiv abgegrätscht, »würde sie hupen.« Es wäre nicht fair, Hans-Joachim Osmers, Jörg Jablonski und Thomas Helmer die Schuld am Ausgang der Bundesligasaison 1993/94 zu geben. Aber der Fußball ist nicht fair. Schiedsrichter Osmers erhält eine offizielle Rüge seines Schiedsrichterverbandes, pfeift in der kommenden Saison unter großer öffentlicher Beobachtung das 1:1 am 2. Spieltag zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt, bleibt fehlerlos und »das war es dann auch für mich«.

Thomas Helmer hat wochenlang mit den Folgen seines berühmten Nicht-Tores zu kämpfen. »Es geht schon an die Psyche, wenn man immer mit dem Vorwurf konfrontiert wird, nicht die Wahrheit zu sagen.« Im Training jubeln seine Mitspieler, wenn er in den Abschlussspielen nicht das Tor trifft.

Und noch 2010 darf er sich davon überzeugen, dass ihm die Nürnberger längst nicht verziehen haben. Helmer, der zu diesem Zeitpunkt bereits als TV-Moderator arbeitet, wählt nach einem Europa-League-Spiel des FCN in Bukarest die Maschine, mit der auch Mannschaft und Verantwortliche des Clubs zurückfliegen. »Schon im Flieger bekam ich einen Spruch nach dem anderen gedrückt. Am Flughafen warteten 2000 Club-Fans auf ihre Mannschaft. Sagen wir so: Ich hatte schon schönere Momente auf Flughäfen.«

»Jede Entscheidung wurde in Zweifel gezogen«

Für Jörg Jablonski, den unglücklichen Fahnenschwenker, bedeutet diese eine Fehlentscheidung das Ende der Schiedsrichterkarriere. Die Verantwortlichen degradieren ihn mit sofortiger Wirkung in die zweite und dritte Liga, dort hält es der Bremer allerdings nicht lange aus. »Die Zuschauer haben mich zermürbt«, erzählt er später dem NDR. »Jede meiner Entscheidungen wurden von lauten Rufen in Zweifel gezogen, das wollte ich mir nicht mehr antun.« Aus dem Schiedsrichter Jablonski wird ein Schiedsrichterfunktionär.

Die Leidenschaft scheint er dennoch weitergegeben zu haben: Sein Sohn Sven pfeift aktuell regelmäßig in der zweiten Bundesliga. Dass er dort das nächste Phantomtor zu verantworten hat, verhindert inzwischen die Torlinientechnologie. Alle Beteiligten von damals befürworten die neue Technik. Sie hätte ihnen damals viel Ärger erspart.

Es hätte keine Morddrohungen und Gerichtsverhandlungen gegeben, Jörg Jablonski hätte seine Karriere nicht beenden müssen. Andererseits wäre die Geschichte der Bundesliga um eine ihrer Mythen ärmer gewesen. Und das berühmteste Nicht-Tor der Geschichte wäre wirklich zum Phantom geworden.