Als Thomas Helmer gegen Nürnberg das Phantomtor schoss

Am nächsten Tag: die ersten Morddrohungen

All das hilft dem Gespann nicht weiter, als die zweite Halbzeit angepfiffen wird und bereits alle Anwesenden wissen, dass der Ball nicht im Tor war. Ausgerechnet Helmer schießt in der 65. Minute das 2:0 für die Münchner, Alain Sutter verkürzt in der 79. Minute auf 1:2. Und schließlich ist es wieder Helmer, der sich in die Hauptrolle stochert, nach einem Foul an Christian Wück im Münchener Strafraum zeigt Schiedsrichter Osmers auf den Elfmeterpunkt.

Der Unparteiische gibt heute zu: »Für mich ein Geschenk des Himmels. Ich wusste: Machen die Nürnberger das 2:2, wird niemals Protest gegen dieses Spiel eingelegt.« Doch Raimond Aumann, »nun wirklich kein Elfer-Killer« (Helmer), pariert Schwabls Versuch. Es bleibt beim 1:2. Wenige Minuten später pfeift Hans-Joachim Osmers die Partie ab.



Für die Beteiligten des irregulären Führungstreffers aus der 26. Minute beginnt ein Spießrutenlauf. Helmer, der schon in der Halbzeit Interviews geben muss, flüchtet nach ersten Antworten unter die Dusche und freut sich da schon auf die anstehende Reise mit der Nationalmannschaft zum Freundschaftsspiel in die Vereinigten Arabischen Emirate. Während Carsten Byernetzki bei seiner Version bleibt, wonach das Gespann erst beim obligatorischen Feierabendbier in der Bayern-Stube via Sportschau von der Fehlentscheidung erfährt und es vorzieht, den Rest des Abends lieber in einem Restaurant zu verbringen, erinnert sich Osmers an zahlreiche Interviews noch nach der Dusche.

»Am nächsten Morgen war die Stimmung sehr getrübt. Meine Frau rief mich an und teilte mir mit, dass sie gleich das Telefon aus der Buchse stöpseln werde, weil andauernd Journalisten anrufen würden. Wir fuhren zu dritt an den Tegernsee und versuchten uns zu entspannen.« Osmers entscheidet sich, erst die letzte Maschine am Sonntagabend nach Bremen zu nehmen, doch die Hoffnung, damit die Geduld der Reporter überstrapaziert zu haben, bestätigt sich nicht. »Mitarbeiter der ARD überredeten mich zu einem Live-Interview in den Tagesthemen, kurz darauf musste ich Sabine Christiansen Rede und Antwort stehen.

Am nächsten Tag: die ersten Morddrohungen

Am nächsten Tag findet Jörg Jablonski bereits die ersten Morddrohungen in seinem Briefkasten. Hans-Joachim Osmers, damals Niederlassungsleiter im Weserstadion für den Sportvermarkter Infront, versucht in den folgenden beiden Tagen die Journalisten vor seinen Büroräumen abzuwimmeln – ohne Erfolg. Schon am 26. April wird er gemeinsam mit seinen Linienrichtern nach Frankfurt am Main zitiert, der FCN hat fristgerecht Protest gegen die Wertung des Spiels eingelegt.

Warum wird eine solche Sportgerichtsverhandlung überhaupt zugelassen, wo es sich doch um eine unanfechtbare Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gehandelt hat? Die Nürnberger berufen sich auf einen Präzedenzfall von 1978, als beim Zweitligaspiel zwischen Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers ein Ball durch das Netz ins Tor gerollt war und die Partie anschließend annulliert wurde.

Nach 311 Minuten finden die Richter schließlich ein Urteil, das den Faktor Tatsachenentscheidung elegant umkurvt. Osmers habe nicht den zweiten Schussversuch von Helmer – der ganz offensichtlich neben das Tor ging – bewertet, sondern den ersten Versuch. Dabei allerdings Jablonskis Fehlentscheidung der anderen Szene für seine Torwertung genutzt. Das Spiel zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg muss wiederholt werden. Was wiederum Münchens Trainer Franz Beckenbauer zu dem Urteil veranlasst, es in diesem Fall mit »hirnlosen Juristen« zu tun zu haben. Nur eine öffentliche Entschuldigung rettet Beckenbauer später vor einer eigenen Gerichtsverhandlung.