Als Stefan Effenberg Trainer wurde

»Frontfigur einer örtlichen Putschistengruppe«

Der Verein steuerte damals auf den Abstieg zu, mit Schattenpräsident Horst Köppel im Schlepptau und »der Raute im Herzen« ging Effenberg auf Werbetour in den Fanklubs, redete davon, die Borussia dorthin zurückzuführen, wo sie zuletzt mit ihm als Spieler stand: auf einen einstelligen Tabellenplatz. »Frontfigur einer örtlichen Putschistengruppe«, nannte ihn die »Süddeutsche Zeitung«.

Gladbach hielt die Klasse, und auf der entscheidenden Hauptversammlung Ende Mai las ein Mitglied aus »Ich hab’s allen gezeigt« und rief: »Wollen wir so eine Katastrophe bei Borussia?« 335 von 4796 Stimmen bekam Effenbergs »Initiative Borussia«. Effenberg sagt, dass er die Niederlage professionell hingenommen habe. Aber sie muss ihn geschmerzt haben. Denn die Mitglieder merkten wohl auch, dass sein Wahlkampf vor allem aus einem Argument bestand: aus Effenberg selbst. Sich alles zuzutrauen ist nicht nur Effenbergs Stärke, sondern zugleich auch seine Schwäche.

Effenberg ohne Perfektionismus gibt es nicht

Marcel Reif und Effenberg arbeiten heute zum dritten Mal zusammen, normalerweise sitzt Effenberg an der Seite von Kai Dittmann, seit Anfang der Saison bilden sie ein festes Team für das Topspiel am Samstag. Es macht ihm Spaß, das merkt man. Und er macht es gut, auch heute. Seine Sätze sind kurz, seine Sprache klar und präzise. Er reagiert auf Zwischenschnitte und weiß, dass man auch mal die Klappe halten muss. Oft beginnt er seine Einwürfe, indem er anknüpft an Reifs Kommentare mit Formulierungen wie »Ich gebe dir recht ...« oder »Das hast du ganz richtig gesagt ...«.

Effenberg hat sich in den USA oft die Basketballübertragungen angeschaut. »Die verbinden Show und Kompetenz, gehen unwahrscheinlich ins Detail und schaffen im Studio so eine Wohlfühlatmosphäre, einen Wohnzimmercharakter, das finde ich gut«, sagt er. Den Leuten von Sky 90 hat er deshalb empfohlen, es im Studio etwas gemütlicher zu machen. Vor der Saison, als er die neuen Grafiken für die Show sah, sagte er sofort, die Schrift sei zu klein und die Farben nicht gut. Es hätte ihm auch wurscht sein können. Aber einen Effenberg ohne Perfektionismus gibt es nicht. Er sagt, dass er sich so einbringen will, dass sich die Leute, mit denen er beim Sender zu tun hat, in seiner Nähe wohlfühlen.

Dem Fahrer des TV-Trucks schickt er zu Weihnachten eine Karte. Dittmann erzählt, dass Effenberg vor dem Spiel die Wasserflaschen mit hochnimmt und vorher fragt, ob er lieber mit oder ohne Kohlensäure trinkt. Es ist, als hätte Effenberg gelernt, dass man auch ohne Konfrontation gute Leistungen bringen kann.

Effenberg, der Großredner

Das Spiel entwickelt sich ganz anders, als Effenberg gedacht hatte. Er hatte auf einen Sieg der Bayern getippt. Dann führt Gladbach 3:0. Effenberg sagt über Favre, er sei »die beste Verpflichtung, die Gladbach in den letzten Jahren gemacht hat«. Wie es wohl mit ihm als Sportdirektor gekommen wäre? Effenberg, der Großredner, und Favre, der Kleinredner. Eine Zusammenarbeit der beiden kann man sich nur so schwer vorstellen wie ein gemeinsames Bühnenprogramm von Mario Barth und Olli Dittrich. Beide erfolgreich. Aber grundverschieden.

Als TV-Experte versucht er, einen anderen Effenberg zu zeigen als den, der auf dem Platz stand. Gelassener, erwachsener. Einen, den man sich als Trainer vorstellen könnte. Wenn er zurückschaut, würde er dem jungen Effenberg raten, diplomatischer zu sein, nicht immer sofort aus der Emotion heraus zu antworten. Jedenfalls habe er das aus seinen Fehlern gelernt, sagt er. Auch die typischen Auftritte im Boulevard sind seltener geworden. Aber es gibt sie eben noch: die Knutschfotos mit Claudia vom vergangenen Oktoberfest, auf denen die Zungenverschränkung tiefer blicken ließ als Claudias Dekolleté. Ein paar Wochen nach dem Interview lässt er sich bei Sat.1 in einer Promiausgabe von »Mein Mann kann« ein Herz auf den Arm tätowieren.

»Jetzt wird eine neue Phase eingeläutet«

Gladbach siegt schließlich mit 3:1. Das Problem der Bayern hat Effenberg benannt, ihr System ist zu starr geworden, das macht sie ausrechenbar. Im Grunde ist es mit Effenberg genauso: Knutschfotos und Live-Tätowierung, das ist genau das, was man von ihm erwartet. Er braucht einen Systemwechsel, er muss raus aus dem Boulevard. Sonst wird er in seiner neuen Rolle nicht glaubwürdig sein.

Nach dem Schlusspfiff dauert es nur wenige Sekunden, dann ist Effenberg weg. Beim Sender vermuten einige schon wehmütig, dass er in der kommenden Saison auf der anderen Seite des Mikrofons stehen wird. »Jetzt wird eine neue Phase eingeläutet«, hatte Effenberg nachmittags gesagt, »und die wird mit Sicherheit interessant«. Ganz klar. Absolut hundertprozentig.