Als Stefan Effenberg Trainer wurde

»Der erste Schuss muss sitzen«

Effenbergs Stärke war schon immer, sich alles zuzutrauen. Einige haben ihm geraten, als Trainer bei einem kleinen Verein anzufangen, auszuprobieren, seine Rolle zu finden. »Aber wenn du unten anfängst und dann nicht den Erfolg hast, ist es verdammt schwer, nach oben zu kommen.« Also mindestens zweite Liga? »Ich habe ganz klar andere Ziele. Bei mir wäre die Aufmerksamkeit doch riesengroß. Du gehst ins erste Spiel, auf einmal fehlen dir drei Spieler. Und du kannst die nicht ersetzen, weil die Qualität im Kader fehlt. Nach ein paar Spieltagen wirst du gefeuert. Da fragt keiner nach den Gründen. Ich suche mir das ganz genau aus. Der erste Schuss muss sitzen.«

Das könnte man wieder für die alte Effe-Arroganz halten, aber wenn man den Großsprech abknibbelt, bleibt ein wahrer Kern: Natürlich würden alle bei ihm ganz genau hinschauen. Natürlich würden alle nur darauf warten, ihn scheitern zu sehen. Angst davor hat er nicht. Effenberg hat als Spieler Widerstand immer erzeugt, weil er ihn brauchte, um daraus Energie zu ziehen. »Alle sind gegen mich« bedeutete für ihn: Jetzt erst recht!.

Später, nach dem Interview, steht Effenberg bei seinem Freund Christian Hochstätter auf der Terrasse, sie unterhalten sich über den Kapitän der untergegangenen Costa Concordia. »Als Kapitän, da musst du stehen, bis zum Ende!«, sagt Effenberg. Ehemalige Mitspieler erzählen, dass er immer als Erster aufgestanden sei, wenn es nicht gut lief. Seine Biografie ist von der Kritik verrissen worden, aber ihr Titel hätte nicht besser gewählt sein können: »Ich hab’s allen gezeigt.« Widerstand als Motivation.

Mourinho über die Schulter schauen

Vielleicht wäre Effenberg als Trainer einer wie José Mourinho, der die Mannschaft auf sich einschwört und sich mit allen außen herum anlegt. Der Kritik und Aufmerksamkeit auf sich zieht, um sie von der Mannschaft fernzuhalten. Mourinho hat er mal nach einem Spiel der Champions League kennengelernt, man sei sich gleich sympathisch gewesen, sagt Effenberg, und dass er vorhabe, ihm mal eine Zeit bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Man stehe jedenfalls in Kontakt.

Mourinho. Erste Liga. Darunter macht er’s nicht. Hochstätter erzählt, wie Effenberg mit 18 bei Gladbach im Bus gesessen habe. »Er sagte zu mir: ›Pass auf, ich werde mal Nationalspieler und gehe nach Amerika‹. Stefan hatte immer eine Vision von dem, was er will.« In der Grundschule, erzählt Effenberg, habe die Lehrerin gefragt, was die Schüler werden wollten. »Feuerwehrmann! Polizist! Tierpflegerin! Ich sagte: ›Ich will Fußballprofi werden.‹« Die Geschichte steht so auch in seinem Buch. Aber wenn er sie erzählt, gibt er den anderen Kindern hohe Piepsstimmchen, nur der kleine Stefan spricht mit der Sicherheit des Erwachsenen.

Das Zweifeln abtrainiert

Die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, konnte Effenberg immer ausstrahlen. Seine Sätze versuchen, jeden Zweifel zu verdrängen. Ständig sagt er: »ganz klar«, »überhaupt kein Problem«, »perfekt«, »hundertprozentig«, »mit Sicherheit«, »absolut«. Wer immer anders sein will und sich darüber definiert, der muss sich das Zweifeln abtrainieren. Oder es nie gelernt haben.

Effenberg zündet die Kerzen auf dem Wohnzimmertisch der Hochstätters an. Es wird jetzt ein bisschen gemütlich. Wenn er in der Nähe zu tun hat, übernachtet er hier. In den vergangenen Monaten war das wegen des Trainerlehrgangs oft der Fall. Eigentlich sind Hochstätter und er sehr verschieden. Hochstätter ist ein paar Jahre älter, ein ruhiger, auf Anhieb sympathischer, bodenständiger Mensch, immer in Gladbach geblieben, fernab der Bussi-Gesellschaft. Effenberg erzählt vom Vortag, Berlin, Fashion Week, Modenschau seiner Frau im Ballsaal des Adlon. Models und Fernsehprominenz. Auf den Society-Seiten fühlt er sich wohl. Hochstätters Welt ist das nicht. »Aber als ich sah, wie Stefan mit seinen Kindern umgeht, wusste ich, der ist nicht so weit weg von mir«, sagt er.

Er schätzt Effenbergs Geradlinigkeit: »Stefan redet ohne Schnörkel und sagt mir nicht das, was ich hören will, sondern seine Meinung.« Die Frauen verstehen sich bestens, die Kinder auch, wenn Hochstätters Sohn in München unterwegs ist, pennt er manchmal bei den Effenbergs. Sieben Jahre haben sie gemeinsam bei der Borussia gespielt, das verbindet. Hochstätter war nach seiner Profizeit sechs Jahre lang Sportdirektor in Gladbach, Effenberg wollte es vor einem Jahr werden. Ohne die beiden ist Gladbach jetzt so erfolgreich wie lange nicht. Der Klub löst die Versprechungen ein, die Effenberg letztes Jahr gemacht hat.