Als Spaniens goldene Ära begann

Die Umkehr des Fluches

Jahrelang scheiterte Spanien bei großen Turnieren immer wieder kläglich. Bis mit dem Sieg gegen Italien bei der EM 2008 die spanische Ära im Weltfußball begann.

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Bereitet euch darauf vor, zu gewinnen. Hatte der das gerade wirklich gesagt? Noch ehe Andrés Palop darüber nachdenken konnte, ob er sich verhört hatte, sprach Luis Aragones vorn auf dem Podium noch mal diesen Satz: »Bereitet euch darauf vor, zu gewinnen.« Mit ernster Miene, kein verschmitztes Lächeln. Spaniens Trainer meinte es ernst.

Aragones’ Worte sind Palop auch heute, acht Jahre später, noch im Gedächtnis und werden es vermutlich immer bleiben. Palop war 2008 als dritter Torwart in Spaniens EM-Kader, Aragones motivierte seine Mannschaft vor dem Viertelfinalspiel gegen Italien mit seiner Ansprache. Jenem Turnier, bei dem die spanische Siegesserie der folgenden Jahre ihren Anfang nahm.

Weltmeister und noch mal Europameister sind sie geworden bis 2012. Heute gilt Spanien als Fußball-Großmacht und das Achtel finale am Montag gegen Italien als mögliches, vorweggenommenes Endspiel. Aber 2008, da schien die Hürde Italien kaum überwindbar - aus historischen Gründen.

»Das hat uns einen richtigen Adrenalinkick verpasst«

Spanien haftete der Makel an, immer spätestens im Viertelfinale eines großen Turniers auszuscheiden. Erst recht, wenn es gegen Italien ging. »Wir wussten ja Bescheid. Jeder von uns kannte den Fluch, der angeblich auf Spanien lastet«, erzählt Palop. »Allen Nationalspielern war er stets gegenwärtig. Und dann sagt der Trainer einfach: Ihr gewinnt trotzdem. Das hat uns einen richtigen Adrenalinkick verpasst.«

Seine Generation war aufgewachsen mit einem Bild, das in Spanien ikonographische Züge bekam. Luis Enrique, der heutige Trainer des FC Barcelona und damals noch als junges Energiebündel im Mittelfeld unterwegs, wie er vor dem Schiedsrichter steht.

Die Augen leicht zugekniffen, gerade noch weit genug auf, um das Irre und das Entsetzen in seinem Blick zu erkennen. Blut läuft ihm aus der Nase, über den Mund. »Sieh her, reicht dir das nicht als Beweis?«, scheint er dem Schiedsrichter sagen zu wollen, aber der lässt sich nicht umstimmen.

Im WM-Viertelfinale 1994 hatte der Italiener Mauro Tassotti seinen Gegenspieler Enrique im Strafraum mit dem Ellenbogen niedergestreckt. Es hätte Elfmeter für Spanien geben müssen und vermutlich hätte der die Entscheidung zugunsten der Iberer gebracht. Gab es aber nicht. Italien glich spät aus und schaffte in der Verlängerung durch Roberto Baggio den Siegtreffer.

Am Ende gewinnen immer die anderen

»So war das damals. Zwei Einzelaktionen genügten, und wir waren draußen, obwohl wir die bessere Mannschaft besaßen«, sagt José Mari Bakero, ehemaliger Mittelfeldspieler des FC Barcelona, der zur spanischen Startformation zählte.

Enriques Bild wurde so interpretiert, dass egal was auch passiert, egal wie gut die Selección spielt, egal ob es Elfmeter geben müsste oder nicht und egal wie groß die körperliche Hingabe auch ist - am Ende gewinnen immer die anderen.

So ging es Jahr um Jahr, Turnier um Turnier. Spanien scheiterte mal im Elfmeterschießen, mal in der Verlängerung und wenn es tatsächlich mal einen Elfmeter in der entscheidenden Phase bekam, dann scheiterten selbst die Besten kläglich. So wie Raul im Viertelfinale der EM 2000 gegen Frankreich.

»Italien war in dieser Hinsicht unser Gegenpart. Wir verloren, egal wie gut wir auch waren. Die gewannen, egal wie schlecht es vorher bei ihnen gelaufen war«, sagt Bakero. »Ihre Mannschaften hatten immer dieses Selbstvertrauen und diesen Siegeswillen, der uns fehlte.«