Als sich Bremen und der HSV viermal nacheinander duellierten

Die Polizei in Alarmbereitschaft

DRITTER AKT

7. Mai 2009, UEFA-Pokal,
Halbfinale, Rückspiel

Die Polizei ist in Alarmbereitschaft, etliche Sicherheitskräfte riegeln den Volkspark ab. Klaus Allofs hat appelliert, alles möge im Rahmen bleiben und auf die sportliche Rivalität beschränkt, aber was nützen solche Worte, wenn ein Team seine durchwachsene Saison noch retten kann und das andere noch alles verspielen? Via Homepage kündigt der HSV eine gigantische Choreo an. Mit 50 000 Dekorbögen will man den Gernegroß das Fürchten lehren. Als die Teams einlaufen, leuchten die Kurven blau, weiß, rot.

In den ersten Minuten dominiert die Defensive. Längst geht es nicht mehr nur um das Weiterkommen, Geld, einen Titel oder Prestige. Längst geht es um mehr. Aus einem Fußballspiel, das seine Protagonisten für neunzig Minuten zusammenführt und dann in unterschiedliche Richtungen entlässt, ist ein ins Persönliche gehender Kampf geworden. Anonymität weicht Nähe. Die Profis sind einander nicht mehr fremd, sie kennen sich nun, besser, als ihnen lieb sein kann. Zum dritten Mal grätschen sie ineinander, rennen sie, springen, passen, riechen sie den Schweiß des anderen. Jeder gewonnene Zweikampf wird zur Revanche für einen verlorenen, jede Grätsche bietet Anlass zur Rache. Die Duellanten haben plötzlich, das passiert nicht häufig im modernen Fußball, eine gemeinsame Vergangenheit, zwei Schlachten schon geschlagen, nun diese hier und eine weitere, am Horizont aufziehend, bindet sie abermals zusammen.

In der 12. Minute sieht man Mathijsen, der nie nach vorne geht, nach vorne gehen, vorbei an Baumann und Fritz, Olic wartet, ruft, winkt, der Pass kommt, HSV führt, Istanbul ist nah.

Aber Werder weiß diesen Brasilianer in seinen Reihen, auf den schauen sie jetzt, aus der eigenen Hälfte holt er die Bälle. Nach einer halben Stunde legt Diego für Pizarro auf, der Peruaner klatscht zurück, Heber über Rost, Ausgleich. Jetzt häufen sich die Chancen. Werder braucht ein Tor für das Finale, der HSV will sich nicht auf dem Remis ausruhen. Diego trifft nur die Latte, Diego sieht Gelb, Diego ist für ein Finale gesperrt. Das Spiel ist so stark, weil die Spielenden schwächer werden, ausgezehrt von der Dreifachbelastung. Lücken überall, Räume, Zweikämpfe, Fouls, kein Raumgewinn.

Pitroipa, Trochowski und Petric verpassen die Führung. Im Gegenzug pflügt Pizarro durch die Hamburger Hälfte und schießt, eher verlegen als überzeugt, aber Rost, was macht Rost, der Ball liegt hinter der Linie und der HSV am Boden.

Kennt Gravgaard das absurde Drama

In der 78. Minute tritt Diego wieder einen Freistoß, der eigentlich keiner Erwähnung bedarf, wäre nicht am Rande des TV-Bildes dieser weiße Schemen zu erkennen, faustgroß, einem zerknüllten Papier gleich. Michael Gravgaard, vom FC Nantes ausgeliehen, hat bis zur 80. Minute souverän verteidigt, jetzt will er einen einfachen Ball zu Rost rückpassen. Er holt aus, da liegt der weiße Schemen im Weg, das Leder springt in die Luft, Gravgaard trifft es mit dem Schienbein. Rost schüttelt den Kopf. Im Mittelkreis denkt Frank Baumann, dass ein Platzfehler die Ecke verursacht haben muss, und trabt los, Richtung Elfmeterpunkt.

Kennt Gravgaard das absurde Drama, eine Theatergattung, der es um die Sinnfreiheit der Welt und den in ihr orientierungslosen Menschen geht? Adamov, Beckett und Schehadé hätten sich an diesen Spielen begeistert, an der Tragik des Dänen, den eine Papierkugel narrt. Diegos Flanke kommt, Almeida köpft, Rost reißt die Hände hoch, am Pfosten steht Trochowski und will klären, schießt aber Baumann an, Stirn, Kopf, Nase, egal, Werder führt mit 3:1. Es ist das erste HSV-Gegentor nach einer Ecke in dieser Saison.

Eine ganze Saison, von einer Papierkugel vernichtet? Es ist lächerlich

Zwar kann Olic noch mal verkürzen, aber dann pfeift Frank de Bleeckere ab, und eine grausame Stille legt sich über den Volkspark. Stadionsprecher Dirk Böge reagiert am schnellsten. »Wir haben alles gegeben, es gibt nun mal Tage wie diese«, ruft er den Fassungslosen zu. Eine Lüge! Böge muss wissen, dass es Tage wie diesen eigentlich nicht gibt, nicht geben darf, dass in den vergangenen Minuten zu viel passiert ist, zu viel Schicksal sich geballt hat. Eine ganze Saison, von einer Papierkugel vernichtet? Es ist lächerlich.

Martin Jol bedauert in die Kameras, Alex Silva und Demel ausgewechselt zu haben. »Das kommt davon, wenn die richtigen Leute nicht mehr da sind!« Dabei waren die richtigen Leute natürlich noch da, nur taten sie Falsches. Einige Meter weiter grinsen Oliver Welke und Mirko Slomka um die Wette, auf ihrem Tisch, scheinwerferbestrahlt, das originale Corpus Delicti. Ob Slomka so was schon mal erlebt hat, will Welke wissen, und natürlich hat Slomka so was noch nie erlebt. Klaus Allofs kommt dazu und streichelt die Papierkugel geschichtsfertig.

Die Wundersamkeit des Finaleerreichens

Retrospektiv bekommt man fast den Eindruck, das UEFA-Cup-Finale sei gar nicht so wichtig gewesen, wichtiger vielmehr die Wundersamkeit des Finaleerreichens. In Istanbul unterliegt Werder gegen Donezk. Werder verliert den Kampf um den Pott, den Kampf um das kollektive Gedächtnis aber hat es gewonnen.