Als Sepp Maier uns seinen geheimen WM-Film von 2002 zeigte

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Am 30. Juni 2002 verlor ein legendäres DFB-Team das WM-Finale gegen Brasilien. Keiner war damals so nah dran am Team wie Sepp Maier, der während des Turniers munter filmte. Veröffentlicht hat er die Aufnahmen aber nie. Bis wir mit ihm das Rohmaterial sichten durften.

Fritz Beck
Heft: #
WM Spezial

Hinweis: Die Reportage erschien erstmals in unserem 11FREUNDE SPEZIAL »Die andere Geschichte der WM«. Für das Heft haben wir verstaubte Fotokisten durchsucht, Tage in Zeitungsarchiven verbracht und vergessene WM-Helden besucht. »Die andere Geschichte der WM« gibt es direkt bei uns im Shop

Ich schaue rüber zu Sepp Maier und hoffe auf eine Erklärung. Seit er mir einen Kaffee gekocht hat und mich wegen meines Nachnamens den »Bierbrauer« nennt, duzen wir uns. Also, Sepp: Wie zur Hölle konnte es dieses Team bis ins WM-Finale schaffen? Diese Mannschaft, die schon in der Qualifikation taumelte, deren bester Mann die Spiele im eigenen Tor gewinnen musste und deren eigentlicher Trainer Christoph Daum sie nie trainieren durfte, weil man sich als angehender Bundestrainer nicht beim Koksen erwischen lassen sollte. Und dann trotzdem bis ins WM-Finale? Sepp? Wie zur Hölle?

Statt mir die Sache zu erklären, zeigt mir Sepp Maier den nackten Hintern von Didi Hamann. Und vielleicht reicht dieser Hintern als Antwort aus, um das alles zu kapieren. Ich lächle, und Sepp Maier klatscht seine Torwartpranken zusammen und sagt :»Da schau her, der nackerte Didi.«

Ich wusste, dass Sepp Maier in seiner Zeit als Torwarttrainer der Nationalmannschaft mit einer Super-8-Videokamera gerne mal draufgehalten hat. Legendär die Aufnahmen von der WM 1990, Pierre Littbarski mit Klamotten unter der Dusche, Helmut Kohl mit Cola in der Kabine, Lothar Matthäus mit WM-Pokal vor dem Gemächt. Den Film zeigte Maier im Kino, später landete er bei Youtube. Auch die Bilder der Europameisterschaft 1996 fanden irgendwann ihren Weg ins Internet. Von einem Film über die WM 2002 wusste ich hingegen nichts.

»In Ordnung, Sie kommen vorbei!« 

Erst als ich Oliver Neuville vor einem Jahr in einem Interview fragte, ob er sich die von Sönke Wortmann produzierte Sommermärchen-Schnulze heute noch anschauen würde, erfuhr ich davon. Neuville antwortete, dass er Wortmanns Film nur bei der Premiere im Kino gesehen hätte, Sepp Maiers Film von 2002 aber ohnehin viel geiler sei. Er erzählte von vor Ekel kreischenden Koreanern, die Maier Schnupftabak probieren ließ. Vom Fahnenmeer am Frankfurter Römer. Von einer wilden Fete im Hotelgarten. Und er sagte, dass außer den Spielern niemand den Film je gesehen hätte. Es klang nach einer großartigen Geschichte.

Ein Jahr nach dem Gespräch mit Oliver Neuville klingele ich bei Sepp Maier an der Haustür. Er wohnt in Hohenlinden bei München, drum herum Örtchen mit Namen wie Forstinning, Kronacker oder Hohenlindener Sauschütt. Der zweifache Welt- und Europameister, zigfache Europapokalsieger und noch zigfachere Deutsche Meister lebt in einer gewöhnlichen Doppelhaushälfte. Große Hecke, kleines Eingangstor, kein Sportwagen vor der Garage. Dafür ein Gedenkstein mit Bayrischem Wappen und der Inschrift »Sepp & Moni«. Irgendwie verschroben, und irgendwie ganz gut.

Am Telefon hatte Maier mich gefragt, was ich denn mit dem alten Quatsch wolle, die Mannschaft sei 2002 ja nicht mal Weltmeister geworden. Und überhaupt wisse er nicht, ob er das Zeug noch habe. Doch schon im nächsten Moment geriet er ins Schwärmen. Das Turnier sei ja wunderschön gewesen, super Typen, super Zeit, super Spiele, super Video. Nach einem etwa fünfminütigem Monolog hatte er sich selbst überredet und mir den entscheidenden Befehl durchs Telefon erteilt: »In Ordnung, Sie kommen vorbei!«

Der »nackerte Didi«

Jetzt, ein paar Wochen später, bittet er mich in die Stube, kocht Kaffee, bietet Plätzchen an. Das Haar etwas zerzaust, das Gesicht leicht verzogen. Lächelt er? Strengt ihn das hier an? Hat er Lust auf den Termin? Aber ja doch! Er fängt an zu erzählen, zunächst von Erich Ribbeck und der EM 2000. Vom Horrorturnier schlechthin. Als sich alle gestritten hätten, schon in der Vorbereitung. Stielike mit Hrubesch. Hrubesch mit Ribbeck. Ribbeck mit Stielike. Damals habe Maier seine Kamera gar nicht erst eingepackt. Er habe schließlich immer genau im Gefühl gehabt, wann sich das mit dem Filmen lohnen würde.

Als der Kaffee ausgetrunken ist, setzen wir uns nebeneinander an den Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Zweiter Stock, Dachschräge, weiß lackierte Balken. In verlässlichen Abständen lädt Maier Schnupftabak nach, und auf seinem wirklich sehr breiten Computerbildschirm starten verpixelte Bilder, offensichtlich in der Dunkelheit aufgezeichnet. Starker Grünstich, undefinierbare schwarze Schatten — und eine Horde grölender Nationalspieler in sackförmigen Trainingsanzügen. Die im Hotelgarten um Tische voller Bierflaschen sitzen wie um ein Lagerfeuer. Und die plötzlich laut grölen, weil einer von ihnen am linken Bildrand auftaucht. Ohne Trainingsanzug, ohne Shirt, ohne Hose, ohne Socken, ohne alles. Es ist der »nackerte Didi«.

Er flitzt im Kniehebelauf an den zusammengeschobenen Tischen vorbei, wirft in der ersten Kurve zwei Bierflaschen um und in der zweiten, die ihn hinter das Gebüsch des Hotelgartens retten soll, sich selber. Oder, anders ausgedrückt: Er fliegt voll auf die Schnauze. Aufgeputscht von der Euphorie des Abends, vom Alkohol in seinem Blut und den Anfeuerungsrufen seiner Kollegen. Die vielleicht sogar Freunde geworden sind in diesen Wochen in Japan und Südkorea, zumindest aber gute Kumpel.