Als Sandhausens Manuel Riemann Oliver Kahns Nachfolger war

200 Briefe, 3000 Euro brutto

Als Riemann einen Tag später vor dem Training die Kabine betritt, traut er seinen Augen nicht. »Plötzlich lagen da knapp 200 Briefe, allesamt an mich gerichtet. Fanpost. Da wurde mir so langsam klar, dass die Sache doch noch nicht zu Ende war.« Eine richtige Einschätzung. Es ist ein ungeahnter Medienansturm, der auf den jungen Drittliga-Torhüter einprasselt. Die »Bild« wittert die Möglichkeit, mit der Geschichte des neuen Torwartsuperstalents für die kommenden Wochen ihre Seiten zu füllen, auch die »Süddeutsche Zeitung« macht ihn zum Thema, der »Spiegel« ebenso. Und Riemann macht mit. Bereitwillig gibt er Auskunft, behauptet frech, dass die Nationalmannschaft sein Ziel ist, holt seine Freundin Tina zu einem Fotoshooting hinzu und vermittelt ihr sogar ein Interview mit der »Bild«-Zeitung.

Das Lob kommt sogar von höchster Stelle: »Da stand einer im Tor, der hat einen Magneten im Handschuh«, sagt Uli Hoeneß. In Burghausen erzählt man sich hernach lange, der Münchener Macher habe sich eigenhändig die Nummer Riemanns besorgt. »Mein Ziel ist die Bundesliga. Wenn's irgendwann mit den Bayern klappt, hätte ich nichts dagegen«, sagt Riemann euphorisiert durch seine fantastische Leistung frech zu seinen weiteren Karriereplänen. Doch Hoeneß ruft nie an.

»Damals hat es mir gefallen«

Im September 2013 liegt Riemann auf einer Massagebank in Sandhausen und schmunzelt darüber. Ein Profi nach dem nächsten verlässt die Kabine, für einige stehen noch Fototermine für einen Sponsor an. Die laute Musik aus dem Umkleidebereich ist im Massageraum kaum zu hören. Manuel Riemman wird deutlich. »Heute würde ich das nie wieder so machen. Privates muss privat bleiben.« Die Ansage kennt keine zwei Interpretationen. »Aber damals hat es mir gefallen.«

Zu verübeln ist ihm das nicht. Die »Bild« bezeichnet den Jungspund in diesen Tagen als »Mini-Titan«, die »Süddeutsche« nennt ihn sogar schon den »neuen Torwart-Titan«. Oliver Kahn war in der Jugend Riemanns Vorbild gewesen. Alleine das Lob, das er vom Nationalkeeper nach dem Pokalspiel erhält, dient als Auszeichnung für die Ewigkeit. Dass Kahn Riemann sein Trikot in die Kabine bringen lässt, steigert das Glücksgefühl weiter. Und plötzlich auch noch Kahns Nachfolger sein? Riemann schmeichelt das. »Als Profi muss man sich doch immer die höchsten Ziele setzen. Ich bin noch keine 35. Mein Ziel ist immer noch die Bundesliga«, sagt er. »Gegen die Bayern hätte ich immer noch nichts.«

Doch es gibt damals auch eine andere Seite dieser übermäßigen Berichterstattung. Plötzlich rauscht etwa die Summe seines monatlichen Gehalts in Burghausen durch den Blätterwald: 3000 Euro brutto. »Natürlich war das frei erfunden, aber was hätte ich dagegen machen sollen?« Als der Hype auch nach einer Woche nicht weniger zu werden scheint, zieht er einen Schlussstrich. »Ich habe von heute auf morgen aufgehört, Interviews zu geben.« Das Bayern-Spiel landet in der Schublade.

Endlich in Runde zwei

4. August 2013. Manuel Riemann hat in den vergangenen Jahren Verletzungen weggesteckt, Selbstzweifel über seine Leistungsfähigkeit gehegt, mit Gewichtsproblemen zu kämpfen gehabt. Nun, nach seinem Wechsel vom VfL Osnabrück nach Sandhausen, ist er aufgestiegen – 2. statt 3. Liga. Sein erstes Pflichtspiel für den SV aber bestreitet er im DFB-Pokal. An einem Montagabend. Erste Runde. Gegner ist der 1. FC Nürnberg. Ein Hauch von 2007 liegt in der Luft.

Wieder geht es ins Elfmeterschießen. Wieder wächst Riemann mit zwei Paraden über sich hinaus. Und diesmal nimmt die Geschichte ein glückliches Ende. Der SVS bezwingt den FCN und zieht in die zweite Runde ein. Riemann wird als Pokalheld gefeiert. Schon wieder. Ob er ein Elfmeterkiller sei? »Ich bin Torhüter, da muss man auch manchmal einen Elfmeter parieren«, spielt Riemann alles runter. An das Bayern-Spiel will er im Zusammenhang mit dem Weiterkommen gegen Nürnberg übrigens nicht gedacht haben. »Nein, ich wollte einfach nur mal in die zweite Runde kommen, dafür hatte es in meiner Karriere noch nie gereicht.« Diesmal schon. Und mit der dritten könnte es auch was werden, schließlich ist der SV beim Regionalligisten SC Wiedenbrück klarer Favorit.