Als Pelé sein 1000. Tor schoss

»Nervös wie ein Jüngling«

Kurz nach dem Bekanntwerden der bevorstehenden 1000-Tore-Marke liefen die Spiele Pelés mit dem FC Santos noch wie gewohnt ab. Beim Heimsieg (6:2) gegen Portuguese Deportes aus Sao Paulo am 13. Oktober schoss Pelé allein vier Tore, also Nummer 990, 991, 992 und 993. Und eine Woche später in Curitiba beim dortigen FC steuerte er zum 3:1-Sieg weitere zwei Treffer, Nummer 994 und 995, bei. Nur noch fünf Tore bis zur magischen Grenze. Der Druck stieg. Mittlerweile reisten nun auch massenhaft Presseleute aus dem Ausland nach Brasilien. Ein Stürmer wie Pelé, der in der Vergangenheit schon mehrfach fünf Tore in einem Spiel erzielte, konnte die 1000-Tore-Schallmauer schließlich schon bei jedem nun folgenden Match durchbrechen. Allerdings setzte danach eine ungewohnte Durststrecke ein. In den nächsten fünf aufeinanderfolgenden Spielen gegen die Traditionsvereine aus Rio (Fluminense, America) und Sao Paulo (Corinthians, FC) gelang dem Fußballstar allein gegen Flamengo ein Tor (Nr. 996), weshalb Pelés Nervenkostüm flatterte. »Wenn ich nur in die Nähe des Torraums kam, gab es ein Blitzlichtgewitter der Fotografen von allen Seiten des Netzes, das mich irritierte. Ich konnte mir vorstellen, dass Zeitungen und Radiostationen in der ganzen Welt ärgerlich wurden – sie hatten Korrespondenten hergeschickt, die täglich viel Geld kosteten, aber nie die erwartete Geschichte ablieferten«, schilderte Pelé seine Gedanken.

Eine Party, größer als der Karneval

Am 12. November beendete er seine Torflaute und markierte beim 4:0-Auswärtssieg in Recife beim FC Santa Cruz die Tore 997 und 998. Nur zwei Tage später setzte er in Paraiba mit dem Tor Nummer 999 einen vorletzten Schritt in Richtung der Traummarke. Allerdings waren schon dort die Medienvertreter in ungeahnten Massen angereist, was sich nur wenige Tage später wiederholen sollte. Am 16. November stand nun das Spiel gegen den Esporte Club aus Salvador de Bahia an. Die Stadt war auf alles vorbereitet. Sollte das ersehnte Tor gelingen, hatten die Stadtväter eine balada, eine Party angekündigt, die das Ausmaß des Karnevals in Rio weit in den Schatten stellen sollte. »Ich versuchte mein Bestes an diesem Tag, aber dieser wochenlange Druck war nicht ohne Folgen geblieben. Ich war nervös wie ein Jüngling. Ich wünschte mir so sehr, dass ich endlich dieses verflixte Tor schießen würde, damit ich endlich wieder meine Ruhe hätte. Ich sah die schreckliche Vision vor mir, dass ich jahrelang kein Tor mehr schießen würde und immer noch hinter dieser Zahl 1000 herliefe. Die aufgebauten Kameras wirkten auf mich wie die gläsernen Augen irgendeines gefühllosen Monsters.« Bis auf eine Torgelegenheit, einen unglücklichen Lattentreffer, kam Pelé nicht in Schwung. Das Spiel endete 1:1 und die Nummer 1000 lag immer noch vor ihm.

In der 78. Minute passt im Maracanã Santos-Mitspieler Clodoaldo wunderbar steil auf Pelé. Er spurtet in den Strafraum und will wie gewohnt die letzten beiden Gegenspieler umdribbeln. Vasco-Verteidiger Fernando kommt auf dem rutschigen Geläuf jedoch zu spät und erwischt anstelle des Balls Pelé. Elfmeter!

Pelé legt sich den Ball zurecht und hält einige Sekunden inne. Der Torhüter Andrada und einzelne Spieler von Vasco versuchen ihn mit Mätzchen und Trash-Talk aus seiner Konzentration zu reißen. Ein anderer Spieler hat bereits vorher mit wilden Tritten auf den Elfmeterpunkt versucht, die Abschussstelle zu malträtieren, damit der unebene Boden einen präzisen Schuss erschwert. Pelé ist in diesen Sekunden jedoch mit sich selbst beschäftigt. Ihm gehen viele Gedanken durch den Kopf: »Eigentlich hatte ich mir jenes Tor mit der magischen Zahl anders vorgestellt als ausgerechnet durch einen Strafstoß. Aber inzwischen war mir jede Art von Treffer recht; wenn ich es nur endlich hinter mich brachte. Ich sagte mir immer wieder, dass es ein Strafstoß wie jeder andere sei. Einen Moment lang dachte ich an einen Elfmeter, den ich in der ersten Zeit bei Santos in der Jugendmannschaft daneben geschossen hatte. Aber das war lange her. Ich verdrängte es sofort wieder. Wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann schieße ich dieses Tor eben später!«

Ein Vasco-Shirt mit der »1000«

Pelé läuft an, verzögert einen Augenblick als würde er hoffen, dass sich der Torhüter für einen Sprung in eine Ecke vorzeitig entscheidet. Andrada lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und wartet mit seiner Aktion bis kurz vor dem Schuss. Pelé entscheidet sich für einen platzierten Schuss mit dem rechten Innenrist in die rechte untere Torecke. Torhüter Andrada taucht ebenso dorthin ab. Allerdings ist er nicht mehr schnell genug unten, um den Ball zu erreichen. Ein wilder Aufschrei entlädt sich im Stadion. Erlösung! Pelé läuft wie von Sinnen auf das leere Tor zu um den Ball aus dem Netz zu holen. Er greift nach dem Leder, küsst das Spielgerät, aber just in jenem Moment, als er sich mit dem Ball in der Hand umdreht und ihn jubelnd wie eine Trophäe gen Himmel reckt, brechen alle Dämme im Stadion. Sekunden später ist er umringt von einem Menschenmeer an Fotografen und Fans. Er wird in die Höhe gehoben und auf Schultern davon getragen. Nur mit Mühe kann er sich aus der Masse befreien, um dann zu seinen wartenden Mitspielern zu laufen, die ihn umjubeln und umarmen. Wenig später entreißen ihm Fans von Vasco da Gama das Trikot und stülpen ihm ein Vasco-da-Gama-Shirt mit der Rückennummer »1000« über. Das ganze Schauspiel zieht sich über mehrere Minuten hin. Das Spiel ist immer noch unterbrochen und kann aufgrund der Jubelszenen auf dem überfüllten Platz nicht angepfiffen werden. Nicht abreißende »Pelé, Pelé, Pelé«-Sprechchöre durchfluten das riesige Rund. Von Tränen gerührt dreht Pelé vor dem Publikum im Maracanã seine Ehrenrunde und lässt sich frenetisch feiern. Erst in der Umkleidekabine findet die lebende Legende, mittlerweile ausgewechselt, wieder zur Ruhe. »Ich fühlte mein Herz schlagen und war froh, dass es nun endlich vorbei war.«