Als Nigeria Olympia verzauberte

Die Helden von Atlanta

Dabei hatte Nigerias Team bei diesem Turnier eigentlich alle Voraussetzungen, Großes zu schaffen. So aber blieb der Eindruck, dass diese Mannschaft mit Ausnahmekönnern wie Amokachi, Amunike, Okocha, Oliseh, George und Yekini unter Wert geschlagen wurde. Mit einer anderen, den Stärken der Spieler gemäßen Taktik, und einer weniger kruden Personalführung hätte Nigeria möglicherweise die Vormachtstellung der Europäer und Südamerikaner brechen können.

Es ist nicht verwunderlich, dass der größte Erfolg des Landes zwei Jahre später ohne Clemens Westerhof erreicht wurde. Dessen ebenfalls niederländischer Co-Trainer Jo Bonfrere übernahm die Mannschaft nach der WM und führte sie ohne Niederlage durch die Qualifikation zum Olympischen Fußballturnier 1996 in Atlanta. Dort gewann Nigeria mit furiosem Angriffsfußball und tollen Aufholjagden die Goldmedaille – der erste globale Fußballtitel einer afrikanischen Nation.

»Wir hatten ein einfaches Ziel«

Insbesondere das Halbfinale gegen Brasilien, als die Adler einen 1:3-Pausenrückstand gegen den Turnierfavoriten noch zum 4:3 drehten, bleibt unvergesslich. Der Endspielsieg über das argentinische Team um Zanetti, Ayala und Crespo war eine Demonstration bedingungsloser Offensive. Bonfrere machte aus der Not einer nicht besonders gut bestückten Abwehr eine Tugend und ließ mit drei, zeitweise vier Stürmern spielen. »Wir hatten ein einfaches Ziel«, sagte er später, »Tore machen. Ein Gegentor warf uns nicht um.« Auch im Finale lagen die »Super Eagles« zweimal zurück. Goldener Torschütze war schließlich Amunike, der kurz vor dem Abpfiff zum 3:2 traf.



Somit hatte Bonfrere alles richtig gemacht, obwohl er es unter der Militärregierung Nigerias nicht immer leicht hatte. Die Offiziellen versuchten ihn zu gängeln und schoben ihm oftmals Zettel mit Mannschaftsaufstellungen zu. »Ich ignorierte sie, wir gewannen trotzdem«, erinnert sich Bonfrere. Sein Diensttelefon funktionierte nur selten, da der Verband meist keine Rechnungen zahlte. Der Coach pumpte Bälle auf, die er zuvor selbst gekauft hatte, er buchte Flüge, besorgte Videos vom Gegner – und hat dennoch einige Prämien bis heute nicht erhalten. Dass der jetzt 60-Jährige dies alles über sich ergehen ließ, sich immer wieder am Verband rieb, zeugt von missionarischem Eifer und einem konkreten Ziel: den afrikanischen Fußball international konkurrenzfähig zu machen. Eine Vorgabe, die Bonfrere erreicht hat, wenngleich mit einem Schönheitsfehler: An Nachhaltigkeit mangelt es Nigeria noch immer. Und so wartet die Welt weiter auf den endgültigen Durchbruch der Afrikaner.